Georg Büchner: Lenz

Der Dramendichter Georg Büchner, geboren am 17. Oktober 1813, kann wie Friedrich Schiller als ein Vorbote psychosomatischen Denkens in der Medizin angesehen werden. Er führte eine erbitterte Auseinandersetzung mit der restaurativen Biedermeier-Gesellschaft und wurde darüber zum Revolutionär. Der Vater, Doktor Ernst Büchner, Chirurg und Kreisarzt von Darmstadt, war ein Verehrer des siegreichen Napoleon und nach der Schlacht von Waterloo ein Anhänger der Restauration. Georg, sein ältester Sohn, hatte Medizin, Naturwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert, war aber in einen typischen Konflikt geraten, den er und sein Bruder Ludwig – wie einige andere Arztsöhne unter den Dichtern – austragen mussten: Ihre Väter waren meistens ablehnend oder abwesend. Georg Büchner probte den Aufstand. Die berühmte Losung der von ihm im Jahr 1834 verfassten Flugschrift Der Hessische Landbote lautete:
Friede den Hütten, Krieg den Palästen!
Er wollte die überkommenen Auffassungen von staatlicher, wirtschaftlicher, militärischer Macht, das Zeitalter der Restauration und selbst die Revolution revolutionieren, lehnte aber Terror ab, wie es der Untertitel zu Dantons Tod (1835) verriet: Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft. Der Dichter wählte die Worte so unverhüllt – auch in der Sprache einfacher Menschen im hessischen Dialekt – wie kein anderer Autor seiner Zeit. Dantons Tod und Woyzeck (1836) künden umso mehr von

komplexen inneren wie äußeren Konflikten und von inneren und äußeren Widerständen. Ein halbes Jahrhundert vor der Entdeckung der Psychoanalyse lässt Büchner den aufgeklärten Revolutionär Danton fragen:
Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?
Zu Büchners Zeiten beginnt der gespenstische Kampf der „Psychiker“ und „Somatiker“, die sich nur darin einig sind, dass die Seele selbst nicht erkranken könne. Während die Psychiker geradezu missionarisch eine moralistische Psychosomatik vertreten,4 meinen die Somatiker, psychisches Kranksein sei lediglich die Folgeerscheinung körperlicher Defizienz. Dieser Streit wird mit dem Durchbruch der naturwissenschaftlichen Medizin in der Neurologie und Psychiatrie beendet. Das geschieht zu Zeiten der Revolution von 1848, als in Europa ein Geist umgeht, dieses „Gespenst des Kommunismus“, das 150 Jahre später von dem neuen Geist des Konsumismus aus Europa vertrieben werden soll. Da das materialistische Denken nicht ausreicht, um seelisch kranke Menschen zu verstehen und die Entstehungsbedingungen des Irreseins zu erklären, wird im Jahr 1865 an der Berliner Charité eine Nervenklinik eingerichtet, um dort – auf der Suche nach der Seele – neuroanatomische Studien zu betreiben.5 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt ein Wiener Neurologe eine grundlegende Theorie der biographischen Medizin. Dieser Neurologe ist Sigmund Freud und seine Theorie die Psychoanalyse. Freud hat übrigens – wie Büchner – Hirnsektionen vorgenommen

und einen neuroanatomischen Beitrag zur Erforschung des Nervensystems der Fische geleistet. Der Privatdozent Büchner erforschte nach seiner Probevorlesung Über Schädelnerven (1835) eingehend Das Nervensystem der Barbe (1836), eines Grundfisches, der über ein großes Kleinhirn und ein kleines Großhirn verfügt. Ein Freund und Förderer schrieb Büchner am 10.6.1836, er verdanke wohl hauptsächlich den medizinischen Studien seine „Force“, die „seltene Unbefangenheit“ und gewissermaßen auch die „Autopsie“, die aus allem spreche, was er schreibe.

Georg Büchners Novelle Lenz (1835) basierte auf der Lebensgeschichte des psychisch kranken Dichters Jacob Michael Reinhold Lenz (1751–1792). Büchner hatte einige dramatische Texte dieses Dichters studiert und in seiner Novelle beispielhaft dessen Selbstverletzlichkeit in der Krise dargestellt, wie zum Beispiel mit dem folgenden, für Büchners Stil typischen, stark verdichteten Satz:
Das All war für ihn in Wunden; er fühlte tiefen unnennbaren Schmerz davon.

Auf besonders sensible Themen und Motive, mit denen sich der Dichter Lenz beschäftigt hatte, verwies bereits der Titel seines ersten Stücks Der verwundete Bräutigam (1766); später waren es Philosophische Vorlesungen für empfindsame Seelen (1780). Zu dieser Zeit beobachteten seine Freunde in Weimar und Straßburg bei ihm ein seltsam widersinniges Verhalten, dass mit einigen Wahnideen verbunden zu sein schien. Dazu bemerkte Georg Büchner am Anfang seiner Novelle, ohne auf eine psychopathologische Deskription zu verfallen, sondern sogleich ins Poetische gewendet und gelassen:
Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.

Das Thema der Pression und Depression mit Erscheinungsbildern des Wahns variierte er wenig später in den dramatischen Woyzeck-Szenen. Neu und radikal war aber auch die Kritik an einer sadistisch herrschenden Medizin, die einen einfachen Mann, wie den Soldaten Franz Woyzeck, zum wissenschaftlichen Versuchsobjekt degradierte. Obwohl dieser Woyzeck seine Marie erstochen hat, soll er nach dem Willen Büchners nicht zum Tod verurteilt und öffentlich hingerichtet werden, wie jener psychisch kranke Täter gleichen Namens, dessen Kranken- und Kriminalakte dem Drama als Vorlage diente. Das Ende bleibt offen, das Stück ist ein Fragment wie Büchners Leben: Am 19. Februar 1837 erlag er 23-jährig einer Infektionskrankheit, die er sich bei der Arbeit mit Fischpräparaten zugezogen haben soll. Es bestand Typhus-Verdacht.

Auch ein Suizid wurde diskutiert. Seine schon während der Gymnasialzeit geäußerte Auffassung von dem „Selbstmörder aus physischen und psychischen Leiden“, der eigentlich kein Selbstmörder, sondern vielmehr „ein an Krankheit Gestorbener“ sei, spricht entschieden dagegen, ebenfalls sein Prosatext Lenz. Denn er lässt den wunderlichen Protagonisten sagen:
Ich mag mich nicht einmal umbringen: es ist mir zu langweilig.
Dieses ironisch gefärbte Motiv der Langeweile durchzieht auch das Drama Dantons Tod und das Satyrspiel Leonce und Lena (1836). Das Suizidthema wird in beiden Stücken einmal ernsthaft und distanziert, ein andermal rein satirisch behandelt. Daraus auf eine Suizidtendenz oder gar einen vollendeten Suizid des Dichters zu schließen, kann ebenso wenig überzeugen wie ein pathographisches Gutachten, in dem er als „abnorme“ Persönlich keit dargestellt wird.



Georg Büchner

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