Neue Rezensionen und Reaktionen

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“ (S. Kierkegaard).

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Winfried Kahlke

 

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Auszug aus der Rede Prof. Kahlkes auf dem 119. Ärztetag

 

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              Prof. Dr. med. Winfried Kahlke

Ehrenpräsident des 119. Deutschen Ärztetages

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“ ( S. Kierkegaard).
 
Hundert Jahre nach dem ersten Deutschen Ärztetag stand die überfällige Reform der Universitäten auf   der Agenda. […]
 
In seiner einstimmig und ohne Enthaltungen angenommenen Entschließung
der „Nürnberger Erklärung des Deutschen Ärztetages 2012“ werden ausdrück-
lich die „Menschenversuche mit vielen tausend Opfern und die Tötung von über 200.000 psychisch kranken und behinderten Menschen, ebenso die Zwangssterilisation von über 360.000 als ‚erbkrank‘ klassifizierten Menschen“ genannt. Diesem „Schuldbekenntnis“ war der Diskurs des denkwürdigen 90. Deutschen Ärztetages 1987 in Karlsruhe vorausgegangen, auf dem der Vorstand mit überwiegender Mehrheit aufgefordert wurde, das Thema „Medizin und Nationalsozialismus“ weiter zu diskutieren und aufzuarbeiten.
 
 
Unvergessen und vielfach geehrt sind die jungen Mediziner der Widerstands-
gruppe „Weiße Rose“: Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und
Hans Scholl, die wie die Biologie- und Philosophiestudentin Sophie Scholl,
Hans Scholls jüngere Schwester, 1943 hingerichtet wurden. Zwei Mitglieder
der „Weiße Rose Hamburg“, Margaretha Rothe und Frederick Geussenhainer, die ebenfalls 1943 an die Gestapo verraten und verhaftet, in Gefangenschaft verstorben bzw. ermordet wurden, werden im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durch ein Lehrgebäude geehrt, das ihren Namen trägt. […]
 
 
Die überall in unserem Land anzutreffende Hilfsbereitschaft ist überwälti-
gend, sie sollte zum Leitfaden im politischen und kulturellen Wandel unserer
Gesellschaft werden, ausgelöst durch die Zuwanderung und Integration der
Millionen Menschen, die vor Krieg und Elend geflohen sind.[…]
 
 
Der Pathologe und Politiker Rudolf Virchow (1821–1902):
„Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ […]
 
Prof. em. Dr. med. Winfried Kahlke
Ehrenpräsident des 119. Deutschen Ärztetages
 
 
Wortlaut (PDF):
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K.F. Masuhr: Ärzte, Dichter und Rebellen

 

 

Auf der Suche nach frühen Spuren der Psychosomatik in der Dramen- und Prosaliteratur finden sich wegweisende Texte von Friedrich Schiller, Georg Büchner und Arthur Schnitzler. Diese Mediziner befassten sich eingehend mit dem Leib-Seele-Problem. Einige ihrer ersten Beobachtungen und Einsichten gingen unmittelbar in die Dichtkunst und damit in die Weltliteratur ein. Als Arztsöhne rebellierten sie nicht nur gegen ihre Väter, sondern auch gegen die herrschende Medizin und Gesellschaft.
Friedrich Schiller wurde als Autor der Freiheitsdramen „Die Räuber“ (1782) „Don Carlos“ (1787) und „Wilhelm Tell“ (1804) berühmt; er war Sohn eines Wundarztes und studierte an der Stuttgarter Militärakademie Medizin. Der angehende Regimentsmedikus hatte schon vor der triumphalen Mannheimer Uraufführung seines Schauspiels „Die Räuber“ (1782) drei Studien verfasst, die sich mit philosophischen, physiologischen und psychosomatischen Problemen beschäftigten.
Georg Büchner. Auch der Dramendichter und Privatdozent Georg Büchner kann als ein Vorbote psychosomatischen Denkens in der naturwissenschaftlichen Medizin angesehen werden. Sein Vater war Chirurg und Kreisarzt von Darmstadt. Georg Büchner führte eine erbitterte Auseinandersetzung mit der restaurativen Biedermeier-Gesellschaft und wurde darüber zum Revolutionär. Seine bekanntesten Werke sind “Dantons Tod„ (1835) und „Woyzeck“ (1836).
Arthur Schnitzler. An der Wende zum 20. Jahrhundert war es der Arzt, Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzler, Sohn eines Wiener Laryngologen, der ausgehend von seinen Studien zur hypnotischen und suggestiven Therapie funktioneller (psychogener) Störungen, ein Bindeglied zwischen Literatur und Psychoanalyse herstellte, um vorbewusste Vorgänge des Seelenlebens darstellen zu können. Er entwickelte mit den Novellen Lieutenant Gustl (1900) und Fräulein Else (1924) die Erzählform des „inneren Monologs“ für die deutsche Sprache.
50 weitere Dichter, Ärzte und Rebellen – von Francois de Rabelais und Johann Christian Günther über John Keats und Justinus Kerner bis hin zu Alfred Döblin, Rainald Goetz und Jon A. Mukand– werden hier vorgestellt. Im 20. Jahrhundert kamen auch Dichterinnen und Ärztinnen wie Harriet Straub, Charlotte Wolff und Hertha Nathorff zu Wort, die sich für die Frauenbewegung einsetzten. Diese Autoren/Autorinnen verfügen über ein besonderes Sensorium, um das wahrzunehmen, was sie als Ärzte und Ärztinnen, als Dichter und Dichterinnen betrifft, worum es in der Kunst und Medizin geht und was sie selbst angeht, weil es ihnen nahegeht. Welche Beobachtungen und Erlebnisse auch immer in Literatur verwandelt werden, die ärztliche Tätigkeit verhilft ihnen zu einzigartigen Erfahrungen im Umgang mit menschlichem Leben und Leiden.
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Frankfurter Buchmesse

 In diesem Jahr sind drei meiner Bücher auf der Buchmesse in Frankfurt:
1. Ärzte, Dichter und Rebellen, Würzburg 2018
2. Neurologie Duale Reihe (E-Book), Stuttgart 2016
3. Die Visite, Berlin 2014
 Sehr interessante biografische Details, auch von zahlreichen mir bislang unbekannten Schriftsteller/Ärzten, eine großartige Idee! (Prof. Dr. Reinhold Grün, 7.10.2018)

”Ärzte, Dichter und Rebellen – psychosomatische Aspekte ihres Wirkens.”

Das Werk eines bekannten Nervenarztes ist jetzt mein Lieblingsbuch. Es handelt von Ärzten, die Dichter waren, darunter auch Ärztinnen, dir wie ihr Vorbild Albert Schweitzer, über ihre Arbeit und Abenteuer in Afrika auf poetische Weise berichtet haben: Ärzte und Ärztinnen ohne Grenzen. Ihr Mut ist bewundernwert, doch sie sind weder Helden noch Genies. Sie geraten wie ihre literarischen Anti-Helden in seelische Krisen, leisten aber Widerstand gegen Diktatoren und müssen fliehen oder werden eingesperrt, einige auch getötet.
Was mich fasziniert: Alle kämpfen mit medizinischen und ästhetischen Mitteln gegen die Vergänglichkeit. Ein berührendes Buch. Und dann muß man wieder lachen, wenn man liest, dass ein berühmter Arzt, Dichter und Rebell ohnmächtig wird, sobald er Blut sieht.

Was geht einem schreibenden Arzt nahe, was bewegt ihn bzw. sie? In 53 Kurzbiografien schildert der Autor, was seine Protagonisten zu Rebellen machte und macht. Die sorgfältig recherchierten Lebensbilder werden verknüpft mit reichhaltigen und tiefgründigen, auch überraschenden und kritischen Erläuterungen der Zusammenhänge von psychosomatischen Phänomenen mit den Einflüssen der Zeitgeschichte. Zahlreiche Zitate aus der Literatur bele-gen die widerständige Haltung schreibender Ärzte in der Vergangenheit bis in die heutige Zeit. Masuhr lässt zahlreiche Stimmen aus Medizin, Psychologie, Philosophie, Geschichte, Kultur- und Neurowissenschaften zu Wort kommen und diskutiert die Aussagen kenntnis-reich und wohlbegründet. Wie by the way entstand so ein Panorama humanen und humanis-tischen Denkens, das auch und gerade in unserer Gegenwart wegweisend wirken kann.  (buchkatalog.de)

Nun äußert sich auch erstmals der Buchhandel, obwohl der Verlag offenbar mit der Auslieferung nicht überall nachkommt:

Bewertung von Alex Maurer, Buchhändler aus Ulm am 20.09.2018
Mein Buch des Jahres: Doktorspiele, Poesie und Gedankenfreiheit.
Als Buchhändler, der pflichtgemäß mindestens ein Buch pro Woche und dabei besonders gern Biografien liest, habe ich jetzt das Buch des Jahres ausgemacht: In dem neuen Werk des Neurologen Karl F. Masuhr (ein Bestsellerautor, der Fachbücher schreibt) geht es um die abenteuerlichen Lebens- und Liebesgeschichten von mehr als 50 Ärzten, die Dichter waren. Das Buch enthält ebenso viele Abbildungen von Dichtern – und Dichterinnen.
In jedem Fall stellt sich die spannende Frage, warum sie eigentlich zu Rebellen und Rebellinnen wurden. Man erfährt zahllose Details, die mir neu waren: Viele Dichter waren Arztsöhne (z .B. Schiller, Büchner, Schnitzler, Cervantes, Hemingway, Dostojewski, Flaubert und Proust), kamen also aus gut situierten Familien, doch sie lehnten sich auf gegen ihre Väter und „Landesväter“, wie Masuhr schreibt, allesamt Fürsten und Diktatoren. Die Dichter forderten vor allem Gedankenfreiheit, die Dichterinnen auch mehr Frauenrechte. Ihre Bücher hat man grundsätzlich zensiert und häufig verboten.Sie leisteten Widerstand, gerieten in Krisen und schrieben Weltliteratur. Davon erzählt dieses Buch auf 300 Seiten, sachlich, kritisch und humorvoll, aber auch mit auffälliger Vorliebe für Lebens- und Liebesgeschichten voller Romantik. So kann man etwa Liebesgedichte der Ärzte J. Keats und W .C .Williams im englischen Original und in deutscher Übersetzung (H.M. Enzensberger) lesen, Doktorspiele, Lyrik und Gedankenfreiheit. Trotz vieler Fußnoten und Anmerkungen ein wahres Lesevergnügen!

Die Frankfurter Buchmesse

Jetzt hat die Bücherlese begonnen. Die AutorInnen warten auf den Eingang der Rezensionen und denken schon an die Buchmesse in Frankfurt a. M. Ich war schon mal dort, mitten im Trubel oder in der Wartehalle („Lounge für Autoren“), selten auch auf Parties der Verlage. Früher gab es einen großen Empfang von Luchterhand für Günter Grass (Smoking). Später gab es öfter Demos. Und im letzen Jahr demonstrierten rechte (Verlage). Die BuchautorInnen sind natürlich vor allem von den eigenen Novitäten beeindruckt, falls es überhaupt zur Geltung kommt.  Wenn Dein Buch bei einem Verlag ausgestellt wird, findest Du es leicht. Nur die kleinen Verlage sind kaum in der Menge der Aussteller auszumachen.

Es sind auffallend viele junge Messebesucherda, auch Kids, die nicht in Comics, sondern sogar in wissenschaftlichen Büchern blättern!NIMG_2083

Neurologie

KUNST IM KRIEG

https://www.zeit.de/kultur/kunst/2022-08/kunst-ukraine-zhanna-karyrova-sergey-zakharov-fshttps://www.zeit.de/kultur/kunst/2022-08/kunst-ukraine-zhanna-karyrova-sergey-zakharov-fs

Bilder einer angegriffenen Gegenwart

Der Schaffensdrang der ukrainischen Künstlerinnen und Künstler ist ungebrochen, viele von ihnen reflektieren in ihren Arbeiten den Krieg. (Zeit online)

© Kateryna Buchatska
© Bella Logachova
© Danylo Movchan
© Sergey Zakharov

Igor Samojlenko: „ANTHROPOPHAGEN“

Igor Samojlenko

ANTHROPOPHAGEN

Wir kennen sie gut, sie zogen uns groß

und leben noch heute.

Der Turnlehrer neben der Reckstange,

um die sich das Lamm

unseres Körpers dreht.

Unsere nimmersatten Therapeuten

mit ihrem Geheimtipp: Ketodiät.

Unsere Feinschmecker, die Träume.

Auf den Lattenrosten

werden wir gegrillt.

Mama, Papa, halb irr vor Hunger,

erst nach Jahrzehnten von uns abgestillt.

Wachsam ist unser Schlaf,

schreckhaft sind wir,

wie Zwerge.

In jedem Dunkel wittern wir Blut.

Bisschen Pfeffer?

Prise Salz?

Damit die Augen

schön saftig tränen.

Ihr Liebenden!

Gefüttert mit dem fetten Gras der Liegewiesen!

Gemästet mit dem Heu in den grauen Scheunen!

Gefedert von den weichen Kissen!

Gestopft von Abschiedsküssen wie Foie gras!

Aufgepasst!

Aufgepasst!!

Spende für Waisenkinder in Uganda

Wer gerade 300 € vom Staat bekommen hat, diese Summe aber nicht so dringend braucht wie die hungernden Waisenkinder in Uganda, wäre ein jetzt guter Spender

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Matteo Salvini: „Viel Feind‘, viel Ehr‘! – Molti nemici, tanto onore!“

In der Regel fällt die Ahnungslosigkeit eines Redners oder seiner Zuhörerschaft nicht während einer intellektuell mehr oder weniger anspruchsvollen Ansprache im engen Rahmen einer Bildungsveranstaltung auf, sondern tritt eher bei politischen Massenkundgebungen in Erscheinung. Wenn beispielsweise Matteo Salvini als Echo des faschistischen Diktators Benito Mussolini den uralten deutschen Schlachtruf:
                            Viel Feind‘, viel Ehr‘! – Molti nemici, tanto onore! – gegen seine demokratischen Landsleute ins Feld führt, scheint er nicht zu ahnen, dass dieses geflügelte Wort unmissverständlich auf ein Paranoid hinweist und somit heutzutage als Symptom eines Größen- oder Verfolgungswahns gedeutet werden kann. In der Tat misst mancher führende Politiker seinen Selbstwert an der Zahl seiner Gegner. Daneben zerfällt die Qualität kritischer Argumente. Dieses elementare Missverständnis ist bezeichnend für die europaweit anwachsende, generationsübergreifende „willful ignorance“. In allen demokratischen Ländern sind es nationalistische Gruppierungen, die, wie die italienischen Postfaschisten, mit großem Pathos und einer wahren „Attitude passionelle“ agieren und ihren Kritikern gern einen Hang zur „Paranoia“ oder „Hysterie“ nachsagen. Diese Art der Psychopathologisierung Andersdenkender ist in Europa und überall auf der Welt populär und reicht von der sprachlichen Diskriminierung bis zur Kriminalisierung politischer Gegner.

Matteo Salvini – Benito Mussolini
it.blastingnews.com/politica/2018/01/il-fascismo-ha-fatto-anche-cose-buone-salvini-smentisce-mattarella

Magische Sentenzen (Ulrich Koch)

Einen philosophisch-reflexiven Zugang zum Alltag und zur Natur wählt der deutsche Autor Ulrich Koch in seinem Band „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“. (…) Leben und Schreiben verschmelzen und durchdringen osmotisch die Wahrnehmungs- und Gedankenwelt, weil die eine in die andere hinüberfließt. „Wir sind nie verloren ohne Rettung, / solange wir schreiben, verloren, um Rettung.“ (…) Das Staunen (thaumazein) mündet hier in einen Modus der Selbstvergewisserung. (…) Und weil die „Zeit nie unpünktlich“ ist und „geduldig auf die nächste Sekunde“ wartet, „in der sie vergeht“, wird auch die „Sehnsucht“ zur „exaktesten Wissenschaft“.

(Maria Renhardt, Die Furche vom 14.09., Sammelbesprechung zu Bänden u.a. auch von Sabine Gruber und Michael Krüger)

Dichtung ohne Grenzen 3

Ein  neues  Aufgabengebiet  eröffnete  sich  unabhängigen  Ärztinnen  und 
Ärzten   auch   außerhalb   europäischer   Grenzen.   Darüber   berichtet   die 
Schriftstellerin und Ärztin Inga Wißgott, die zwei Gedichtbände über 
Medizinisches und Menschliches und einen Bericht über ihren Einsatz als Chirurgin  in  Afrikas  Krisenregionen  
publizierte: Ärztin  ohne  Grenzen (2009). 

Auf  die  Frage,  wie  sie  auf  die  Idee  gekommen  sei,  mit  den  Ärzten 
ohne  Grenzen  nach  Afrika  zu  gehen,  antwortete  sie,  ihre  Mutter,  selbst   Ärztin, habe ihr schon früh von Albert Schweitzer (1875–1965) erzählt, der 
sich der Humanität verschrieben und in Afrika ein Spital aufgebaut hatte.   

 Aus eigenem Antrieb leisten Medizinerinnen und Mediziner vieler Länder 
humanitäre Nothilfe für Flüchtlinge  auf  See,  in  gefährlichen  Situationen 
 von  Krieg  und  Gewalt, Naturkatastrophen und Epidemien.   Seit der Verleihung des 
Friedensdoppelpreises an den Arzt und Schriftsteller Albert Schweitzer (1952) wurden 
couragierte  Mediziner  nur  selten  damit  ausgezeichnet,  zuletzt  die  Mitglie- 
der der beiden Ärzteorganisationen International Physicians for the Preven- 
tion of Nuclear War (1985) und Médecins Sans Frontières (1999). 
Der französische  Internist  und  spätere  Gesundheitsmininster  Bernard  Kouchner 
(*1939) war von 1971–1977 erster Vorsitzender der MSF und gründete drei Jahre später 
die zweite Hilfsorganisation Médecins du Monde (MDM). 
Es lohnte  sich,  Biographien  jener  Autorinnen  und  Autoren  beizuziehen,  die wie 
Inga  Wißgott  und  Bernard  Kouchner  ebenfallsin  Afrika  für die  MSF  ärztlich  tätig  gewesen  
sind,  zumal  die  postkoloniale  Literatur  und  damit verbundene  Gender-Studien  zunehmende  Bedeutung  für  interkulturelle Diskurse   gewinnen.     
 Dazu   gehören   Alain   Dubos   (Algerien),   Jean- 
Christophe Rufin (Tunesien, Eritrea), Vladan Radoman (Biafra) oder auch
 Henry Shore (Uganda); Sanitätsoffiziere waren die Autoren Gilbert Schlogel, 
JeanPierre  Garen  (Algerien), Frantz  Fanon  (Algerien,  Ghana)  und  An-tonio  Lobo  Antunes  (Angola).  Sie  verfassten  kritische  Berichte  über  die 
ehemaligen  Kolonien  wie  früher  schon  der  Afrikaforscher,  Arzt  und 
Schriftsteller Mungo Park, der 35jährig anno 1886 im Niger ertrank und der  Lyriker  
Jan  Jakob  Slauerhoff  (Marokko),  der  jahrelang  als  Schiffsarzt 
um  die  Welt  fuhr,  sowohl  an  Malaria  als  auch  an  Tuberkulose  litt  und  
1936  im  39.  Lebensjahr  starb;  oder  auch der Novellist, Lyriker und Mili- 
tärarzt Francis  Brett  Young (Südafrika), der im  Sanitätsoffiziersdienst  an  
Typhus  erkrankte  wie  der  Kriminalromanschreiber Arthur  Conan  Doyle 
(Südafrika) und die jeder Infektion und Anfechtung widerstehende „Wüs- 
tenärztin“ Harriet  Straub  (Mali,  Algerien,  Tunesien),  vor  allem  aber  die  
afrikanischen Autorinnen und Autoren: Die Kinderärztin Margaret Atieno 
Ogola (Kenia),  die  den  Essay  Education  in  Human  Love  (2002)  und  den  
Roman I swear by Apollo (2003) verfasste, aber auch die AIDS-Prävention 
vorantrieb;  der  Ägypter  Alaa  Al-Aswani,  der  sich  in  den  Gruppierungen  
Ärzte für den Wandel und Schriftsteller für den Wandel engagierte,   ferner 
der  Arzt,  Erzähler  und  UNBotschafter  Davidson  Nicol  (Sierra  Leone,  Nigeria) 
 und  sein  Landsmann,  der  Romancier  und  Arzt  Raymond  Sarif 
Easmon  (Sierra  Leone),  der  das  skurrile  Lustspiel  Teurer  Vorfahr  
und  der  Chirurg Lenrie  Peters (Sierra Leone, Gambia), der mít seinen Gedichten 
nichts als die Würde des Menschen einforderte: 

 That spirit which asks no favour / of the world / But to have dignity. 

Diese Forderung stellen auch Verteidiger der Menschenrechte in Nordafri- 
ka  wie  Moncef  Marzouki  (Tunesien)  und  die  Frauenrechtlerin  
Nawal  El  Saadawi  (Ägypten),  die  bei  ihrer  ärztlichen  Tätigkeit  herausfand,  was 
Krankheit und Armut mit Politik, Macht und Religion zu tun haben: 

Das geschriebene Wort wurde mein Akt der Rebellion gegen  
Ungerechtigkeit im Namen von Religion oder Macht oder Liebe. 

Dichtung ohne Grenzen 2

Ein Essay mit dem Titel Fachleute für menschliche Leiden  weist bereits 
im Untertitel auf die Grenzenlosigkeit des Arzt-Dichter-Diskurses hin: 

Anmerkungen zu einem Thema ohne Grenzen 
Der Arzt und die Literatur oder  
Die Rebellion gegen die Vergänglichkeit.
(Reich-Ranicki, Marcel: Herz, Arzt und Literatur. Zwei Aufsätze. Zürich: 
Ammann Verlag, 3. Aufl. 2007)  

„Ohne Arthur Schnitzler, Alfred Döblin und Gottfried Benn – dies 
ist  keineswegs  übertrieben  –  lässt  sich  die  moderne  deutsche  Lite-  
ratur überhaupt nicht mehr denken.“ 

Dies  ist  der  Moment,  da  der  Arzt,  Dichter  und Rebell  als  Figur  auf  der 
inneren  Bühne  des  Publikums  erscheint.  Zunächst  bewegt  er  sich  zwar 
noch  zwischen  Literatur  und  Medizin, überquert  dann  aber  die  Grenzen  
in vielerlei Hinsicht: als Forscher und Entdecker, Abenteurer oder Soldat 
und  als  flüchtender  Rebell,  wie  zum  Beispiel  Friedrich  Schiller,  Georg 

Büchner und Alfred Döblin. Einige Arzt-Dichter schildern ihre Konflikte 
und Krisen, die wie Grenzsituationen  oder auch gelegentlich wie Grenzer-fahrungen  anmuten, vor allem Arthur Schnitzler und Gottfried Benn.  

Auf  dem  interdisziplinären  Symposium  Literatur  und  Medizin  (2004) 
wurde  die  Auffassung  vertreten,  es  sei  sicher  mehr  als  ein  Zufall,  dass  
„drei  der  bedeutendsten  Schriftsteller  der  deutschsprachigen  Moderne“  – 
Schnitzler, Döblin und Benn – „von Haus aus“ Mediziner waren; denn sie 
hätten aus eigener Anschauung gewusst, was Krisen sind: 
„Denn die Fähigkeit zur feinen Selbstwahrnehmung, der analytische 
Blick,  der  Menschen  und  Gesellschaften  gleichermaßen  durch- 
schaut, die Vertrautheit im Umgang mit Gedanken und Träumen – 
das  alles  sind  Voraussetzungen,  die  sowohl  dem  Arzt  wie  dem  
Schriftsteller zugutekommen.“

Klara Obermüller: Der  Mensch  in  seiner  ganzen  Schwäche.  In: Literatur  und 
 Medizin. Peter Stulz, Frank Nager, Peter Schulz (Hg.) Zürich 2005, S. 242.  

Dichtung ohne Grenzen 1

Das Wissen hat Grenzen, das Denken nicht. (ALBERT SCHWEITZER)

          Rebellion gegen die Vergänglichkeit.  
Schreibende Ärzte und Ärztinnen ohne Grenzen 

 

Am  Anfang  des  Diskurses  steht  die  Überlegung,  unter  welchen  Voraus- 
setzungen Medizin und Dichtung eine Verbindung eingehen können. 
Bei dem  Versuch,  das  Dickicht  medizinhistorischer  Bibliotheken  zu  durch-dringen und das Geflecht der literaturwissenschaftlichen Überlieferungen, 
Sagen  und  Mythen  zu  durchbrechen,  stößt  man  auf  Archive,  in  denen 
Ärzte und Dichter getrennt voneinander aufbewahrt werden, so als hätten 
sie dort schon zu Lebzeiten reaktions- und beziehungslos geruht oder wie 
Kaiser Barbarossa Jahrhunderte verschlafen.  

        Warum  es  so  wenige  bekannte  Ärzte  und  Dichter  in  Personalunion 
gibt, erklärt sich wahrscheinlich daraus, dass der sogenannte Arzt-Dichter erst  vor  einem  halben  Jahrhundert  entdeckt  wurde. Bis  zu  diesem  Zeit- 
punkt  gab  es  anscheinend  auch  keine  Dichterin,  die  zugleich  Ärztin  war.  

Stattdessen  wird  regelmäßig  die  heilkundige  Ordensfrau  Hildegard  von 
Bingen  als  erste  Zeugin  für  das  Gelingen  der  Allianz  von  Medizin  und 
Poesie  im  Mittelalter  aufgerufen.  Von  einem  gelehrten  Mönch  des  
10.  Jahrhunderts, genannt Notker der Arzt oder Notker der Dichter, ist wenig, 
nicht  einmal  das  Geburtsdatum  bekannt.  In  der  Renaissance-Literatur  begegnet  man  dem  Ordensmann,  Arzt  und  Dichter  Francois  de  Rabelais 
(geboren  1483  oder  1494),  jenem  berühmten  Wortkünstler,  der  sich  in  seiner vierten bzw. gfünften Lebensdekade für die Ausübung der Heilkunde  entschieden  hatte.  Er  soll  wegen  seiner  satirischen  und  ketzerischen  Schriften gelegentlich  gescholten,  verboten  und  eingesperrt  worden  sein. Die Plaisanterie rabelaisienne, sein freimütig derber Witz, wird heute noch geschätzt.  Von Zeit zu Zeit  wirkten  noch  heidnische  Götter  mit:  Apollon und Eros.  Das  apollini- 
sche Zusammenspiel von Medizin und Poesie war in der frühen Neuzeit ein 
Glücksfall.  Doch  der  Einfluss  des  Liebesgottes  auf  den  „medicus  poeta“ 
überdauerte die Jahrhunderte. Dies belegen Gedichte von Paul Fleming und  Johann Christian Günther, Friedrich Schiller und John Keats.