Einen philosophisch-reflexiven Zugang zum Alltag und zur Natur wählt der deutsche Autor Ulrich Koch in seinem Band „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“. (…) Leben und Schreiben verschmelzen und durchdringen osmotisch die Wahrnehmungs- und Gedankenwelt, weil die eine in die andere hinüberfließt. „Wir sind nie verloren ohne Rettung, / solange wir … Weiterlesen Magische Sentenzen (Ulrich Koch)
Kategorie: Lyrik
Dichtung ohne Grenzen 3
Ein neues Aufgabengebiet eröffnete sich unabhängigen Ärztinnen und Ärzten auch außerhalb europäischer Grenzen. Darüber berichtet die Schriftstellerin und Ärztin Inga Wißgott, die zwei Gedichtbände über Medizinisches und Menschliches und einen Bericht über ihren Einsatz als Chirurgin in Afrikas Krisenregionen publizierte: Ärztin ohne Grenzen (2009). Auf die Frage, wie sie auf die Idee gekommen sei, mit den Ärzten ohne Grenzen nach Afrika zu gehen, antwortete sie, ihre Mutter, selbst Ärztin, habe ihr schon früh von Albert Schweitzer (1875–1965) erzählt, der sich der Humanität verschrieben und in Afrika ein Spital aufgebaut hatte. Aus eigenem Antrieb leisten Medizinerinnen und Mediziner vieler Länder humanitäre Nothilfe für Flüchtlinge auf See, in gefährlichen Situationen von Krieg und Gewalt, Naturkatastrophen und Epidemien. Seit der Verleihung des Friedensdoppelpreises an den Arzt und Schriftsteller Albert Schweitzer (1952) wurden couragierte Mediziner nur selten damit ausgezeichnet, zuletzt die Mitglie- der der beiden Ärzteorganisationen International Physicians for the Preven- tion of Nuclear War (1985) und Médecins Sans Frontières (1999). Der französische Internist und spätere Gesundheitsmininster Bernard Kouchner (*1939) war von 1971–1977 erster Vorsitzender der MSF und gründete drei Jahre später die zweite Hilfsorganisation Médecins du Monde (MDM). Es lohnte sich, Biographien jener Autorinnen und Autoren beizuziehen, die wie Inga Wißgott und Bernard Kouchner ebenfallsin Afrika für die MSF ärztlich tätig gewesen sind, zumal die postkoloniale Literatur und damit verbundene Gender-Studien zunehmende Bedeutung für interkulturelle Diskurse gewinnen. Dazu gehören Alain Dubos (Algerien), Jean- Christophe Rufin (Tunesien, Eritrea), Vladan Radoman (Biafra) oder auch Henry Shore (Uganda); Sanitätsoffiziere waren die Autoren Gilbert Schlogel, JeanPierre Garen (Algerien), Frantz Fanon (Algerien, Ghana) und An-tonio Lobo Antunes (Angola). Sie verfassten kritische Berichte über die ehemaligen Kolonien wie früher schon der Afrikaforscher, Arzt und Schriftsteller Mungo Park, der 35jährig anno 1886 im Niger ertrank und der Lyriker Jan Jakob Slauerhoff (Marokko), der jahrelang als Schiffsarzt um die Welt fuhr, sowohl an Malaria als auch an Tuberkulose litt und 1936 im 39. Lebensjahr starb; oder auch der Novellist, Lyriker und Mili- tärarzt Francis Brett Young (Südafrika), der im Sanitätsoffiziersdienst an Typhus erkrankte wie der Kriminalromanschreiber Arthur Conan Doyle (Südafrika) und die jeder Infektion und Anfechtung widerstehende „Wüs- tenärztin“ Harriet Straub (Mali, Algerien, Tunesien), vor allem aber die afrikanischen Autorinnen und Autoren: Die Kinderärztin Margaret Atieno Ogola (Kenia), die den Essay Education in Human Love (2002) und den Roman I swear by Apollo (2003) verfasste, aber auch die AIDS-Prävention vorantrieb; der Ägypter Alaa Al-Aswani, der sich in den Gruppierungen Ärzte für den Wandel und Schriftsteller für den Wandel engagierte, ferner der Arzt, Erzähler und UNBotschafter Davidson Nicol (Sierra Leone, Nigeria) und sein Landsmann, der Romancier und Arzt Raymond Sarif Easmon (Sierra Leone), der das skurrile Lustspiel Teurer Vorfahr und der Chirurg Lenrie Peters (Sierra Leone, Gambia), der mít seinen Gedichten nichts als die Würde des Menschen einforderte: That spirit which asks no favour / of the world / But to have dignity. Diese Forderung stellen auch Verteidiger der Menschenrechte in Nordafri- ka wie Moncef Marzouki (Tunesien) und die Frauenrechtlerin Nawal El Saadawi (Ägypten), die bei ihrer ärztlichen Tätigkeit herausfand, was Krankheit und Armut mit Politik, Macht und Religion zu tun haben: Das geschriebene Wort wurde mein Akt der Rebellion gegen Ungerechtigkeit im Namen von Religion oder Macht oder Liebe.
Dichtung ohne Grenzen 2
Ein Essay mit dem Titel Fachleute für menschliche Leiden weist bereits im Untertitel auf die Grenzenlosigkeit des Arzt-Dichter-Diskurses hin: Anmerkungen zu einem Thema ohne Grenzen Der Arzt und die Literatur oder Die Rebellion gegen die Vergänglichkeit. (Reich-Ranicki, Marcel: Herz, Arzt und Literatur. Zwei Aufsätze. Zürich: Ammann Verlag, 3. Aufl. 2007) "Ohne Arthur Schnitzler, Alfred Döblin und Gottfried Benn – dies ist keineswegs übertrieben – lässt sich die moderne deutsche Lite- ratur überhaupt nicht mehr denken." Dies ist der Moment, da der Arzt, Dichter und Rebell als Figur auf der inneren Bühne des Publikums erscheint. Zunächst bewegt er sich zwar noch zwischen Literatur und Medizin, überquert dann aber die Grenzen in vielerlei Hinsicht: als Forscher und Entdecker, Abenteurer oder Soldat und als flüchtender Rebell, wie zum Beispiel Friedrich Schiller, Georg Büchner und Alfred Döblin. Einige Arzt-Dichter schildern ihre Konflikte und Krisen, die wie Grenzsituationen oder auch gelegentlich wie Grenzer-fahrungen anmuten, vor allem Arthur Schnitzler und Gottfried Benn. Auf dem interdisziplinären Symposium Literatur und Medizin (2004) wurde die Auffassung vertreten, es sei sicher mehr als ein Zufall, dass „drei der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Moderne“ – Schnitzler, Döblin und Benn – „von Haus aus“ Mediziner waren; denn sie hätten aus eigener Anschauung gewusst, was Krisen sind: "Denn die Fähigkeit zur feinen Selbstwahrnehmung, der analytische Blick, der Menschen und Gesellschaften gleichermaßen durch- schaut, die Vertrautheit im Umgang mit Gedanken und Träumen – das alles sind Voraussetzungen, die sowohl dem Arzt wie dem Schriftsteller zugutekommen." Klara Obermüller: Der Mensch in seiner ganzen Schwäche. In: Literatur und Medizin. Peter Stulz, Frank Nager, Peter Schulz (Hg.) Zürich 2005, S. 242.
Dichtung ohne Grenzen 1
Das Wissen hat Grenzen, das Denken nicht. (ALBERT SCHWEITZER) Rebellion gegen die Vergänglichkeit. Schreibende Ärzte und Ärztinnen ohne Grenzen Am Anfang des Diskurses steht die Überlegung, unter welchen Voraus- setzungen Medizin und Dichtung eine Verbindung eingehen können. Bei dem Versuch, das Dickicht medizinhistorischer Bibliotheken zu durch-dringen und das Geflecht der literaturwissenschaftlichen Überlieferungen, Sagen und Mythen zu durchbrechen, stößt man auf Archive, in denen Ärzte und Dichter getrennt voneinander aufbewahrt werden, so als hätten sie dort schon zu Lebzeiten reaktions- und beziehungslos geruht oder wie Kaiser Barbarossa Jahrhunderte verschlafen. Warum es so wenige bekannte Ärzte und Dichter in Personalunion gibt, erklärt sich wahrscheinlich daraus, dass der sogenannte Arzt-Dichter erst vor einem halben Jahrhundert entdeckt wurde. Bis zu diesem Zeit- punkt gab es anscheinend auch keine Dichterin, die zugleich Ärztin war. Stattdessen wird regelmäßig die heilkundige Ordensfrau Hildegard von Bingen als erste Zeugin für das Gelingen der Allianz von Medizin und Poesie im Mittelalter aufgerufen. Von einem gelehrten Mönch des 10. Jahrhunderts, genannt Notker der Arzt oder Notker der Dichter, ist wenig, nicht einmal das Geburtsdatum bekannt. In der Renaissance-Literatur begegnet man dem Ordensmann, Arzt und Dichter Francois de Rabelais (geboren 1483 oder 1494), jenem berühmten Wortkünstler, der sich in seiner vierten bzw. gfünften Lebensdekade für die Ausübung der Heilkunde entschieden hatte. Er soll wegen seiner satirischen und ketzerischen Schriften gelegentlich gescholten, verboten und eingesperrt worden sein. Die Plaisanterie rabelaisienne, sein freimütig derber Witz, wird heute noch geschätzt. Von Zeit zu Zeit wirkten noch heidnische Götter mit: Apollon und Eros. Das apollini- sche Zusammenspiel von Medizin und Poesie war in der frühen Neuzeit ein Glücksfall. Doch der Einfluss des Liebesgottes auf den „medicus poeta“ überdauerte die Jahrhunderte. Dies belegen Gedichte von Paul Fleming und Johann Christian Günther, Friedrich Schiller und John Keats.
Ulrich Koch
Wie gefährlich ist Poesie?
Wie oft auch vor Risiken gewarnt wird, die von einer Entgrenzung der Medizin ausgehen, so selten stellt sich die Frage nach einer vergleichba- ren Gefährdung des Menschen durch Literatur. Welche Sprengkraft hat Poesie? Eine Karikatur kann tödliche Folgen haben – aber ein lyrischer Vers? Seit Urzeiten ermuntern Gedichte und Lieder die Menschen zum Feiern und Trinken, besonders, wenn Musikanten zum Tanz aufspielen. Das vor-herrschende Lebensgefühl kann von der Einsicht in die Vergänglichkeit des Schönen oder von Freiheitssinn und Aufbegehren gegen die Obrigkeit bestimmt sein, aber auch von revolutionärem Elan zu resignativer und fatalistischer Lethargie wechseln.Doch die nüchternen Erwartungen der Ärzte und Ärztinnen an ein Dichterleben, ihre kreativen Phasen und Krisen (5. Kapitel), schlagen gelegent- lich in pure Lebenslust um, vor allem wenn das Dasein erotisch aufgeladen ist. Die im letzten Jahrhundert gegen den Wind gesungenen Protestlieder, wie zum Beispiel The Times They are A-Changin, wurden durch den Literaturnobelpreis 2016 veredelt. Es sind aber nicht nur Lied- texte, sondern auch Sprechgesänge, Poetry Slam-Vorträge und ganz text- freie Techno-Rhythmen, die derzeit Menschenmengen in Rauschzustände versetzen. Abertausende Jugendliche harren dicht beieinander aus, halten sich aufrecht – in endloser Standing Ovation – und recken die Arme bis hinauf zu den Pop- und Punk-Rockern oder Hip-Hop-Rappern: I stand here, a manifestation of love and pain, With veins pumping revolution. Ganz anders verhält sich das in großen Konzerthallen sitzende ältere Pub- likum. Es klatscht und nickt im Viervierteltakt volkstümlicher Musik, ein wirklich harmloses Vergnügen. Doch die Dichter pflegten gewiss nicht nur den Gesang von Nachti- gallen und Schwänen einzufangen oder Rosenduft, Sternenglanz und Rauscherlebnisse in ästhetische Formen zu gießen, sondern schreckten auch nicht davor zurück, Zorn, Wut und Empörung mit viel Ironie und Sarkasmus, wenn auch metaphorisch verhüllt und kunstvoll verziert, in Worte zu fassen. Umso mehr mag die fatale Wirkung eines Verses aus der Zeit der deutschen Romantik überraschen: Justinus Kerner, der schwäbische Arztdichter, der ebenso unerschro- cken wie erfolgreich mit dem stärksten aller natürlichen Gifte (Botulinum-Toxin) experimentiert hatte, geriet eines Tages in panische Angst und wollte sogar das Land verlassen, als er erfuhr, welche Gefahr von einer einzigen seiner klingenden Metaphern ausgegangen war (8. Kapitel). Er hatte mit einem trefflichen Vers, wenn auch „etwas kühn“, wie er bekannte, seine Zeitgenossen bei Hofe als „goldbordierte Knechte“ karikiert. Fortan musste er wie viele Dichter befürchten – und das war wohl noch nie ein reiner Wahn, – von staatlichen Stellen überwacht zu werden. Besonders bemerkenswert ist, dass seine rege Forschungsarbeit auch zur Ablenkung der Geheimpolizei diente, weil medizinische Schriften den Argwohn der Zensoren weniger erregten als die „gefährliche Poesie“.
Drei Mediziner, die als Dramatiker hervortraten
Drei Mediziner, die als Dramatiker hervortraten, Friedrich Schiller (1759– 1805), Georg Büchner (1813–1837) und Arthur Schnitzler (1862-1931) können die Richtung des Diskurses anzeigen: Auf der Suche nach Spuren der Psychosomatik in der Literatur finden sich wegweisende Texte dieser Dichter. Sie hatten im Umgang mit kranken Menschen psychologische Einblicke in das dynamische Dreiecksverhältnis von Körper, Geist und Umwelt gewonnen. Schiller und Büchner verfassten ihre ersten Dramen jeweils in der letzten Dekade vor den großen Revolutionen von 1789 bzw. 1848. Schnitzler debütierte etwa 100 Jahre nach Schiller und 50 Jahre nach Büchner mit Dramen- und Prosatexten, als er – synchron mit dem Auf- takt der Psychoanalyse – traumartige Gedankenflüge in die Literatur un- ternahm und den inneren Monolog für die deutsche Sprache entwickelte.
Rezension Deutsches Ärzteblatt
Ärzte, Dichter und Rebellen
Brief an meinen Sohn – Erich Kästner
Ich möchte endlich einen Jungen haben,so klug und stark, wie Kinder heute sind.Nur etwas fehlt mir noch zu diesem Knaben.Mir fehlt nur noch die Mutter zu dem Kind. Nicht jedes Fräulein kommt dafür in Frage.Seit vielen langen Jahren such ich schon.Das Glück ist seltner als die Feiertage.Und deine Mutter weiß noch nichts von uns, mein … Weiterlesen Brief an meinen Sohn – Erich Kästner
KRIM
"Und an dem Ufer steh ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend." Goethes Iphigenie auf Tauris (=KRIM). Als die antike Landschaft „Tauris“ wird gemeinhin die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer angenommen (so in Goethes Iphigenie auf Tauris und in Gustav Schwabs einflussreichen Sagen des klassischen Altertums). Als deren Urbevölkerung galten die … Weiterlesen KRIM

