Philosophie als Pflichtfach an Grundschulen – Gabriels Provokation

Provozierend, kritisch und konstruktiv –  ein Plädoyer für die neue Aufklärung

soeben erschienen: Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten

Diese Schrift liest sich leicht. Wir erhalten aber erst eine Antwort im letzten Kapitel auf das, was Markus Gabriel im Prolog hypothetisch und fragend darlegt: Wer wir sind und wer wir sei wollen. Der hermeneutische Zirkel wird hier zur Spirale der „Selbsterforschung“ des Menschen mit der Methode der Anthropologie. Es geht dem 40-jährigen Philosophen nicht um altbewährte pädagogische Zwangsmaßnahmen oder eine utopische Erziehung zum besseren Menschen, wie dies den „humanistischen“ Wissenschaften und den jüngeren, erfolgreichen progressiven Philosophen und Politikern häufig hilflos oder aus purem Neid unterstellt wird, wenn diese sich in die Diskurse der postmodernen Beliebigkeit einmischen.

Professor Markus Gabriel

Gabriel spricht sich freilich  für Philosophie als Pflichtfach in Grundschulen aus! Das überrascht, wenn man bedenkt,  dass in Frankreich Philosophie erst in der höheren Schule Pflichtfach ist. Dass Pädagogik und Philosophie wieder zusammenfinden, wäre immerhin ein erstrebenswertes Ziel.

Aus Seite 98 schreibt Gabriel: Es ist prinzipiell unmöglich, dass wir das richtige nicht tun können“, und auf S. 43:

„Das moralisch Gebotene ist dasjenige, was man in einer gegebenen Situation (aber nicht automatisch in jeder Situation) tun soll. Das moralisch Erlaubte ist all das, was man in einer gegebenen Situation tun kann, ohne es zu sollen oder zu müssen.

Dies erinnert an die medizinische Anthropologie des Begründers der Psychosomatik (Weizsäcker), der die „pathischen Kategorien“ entdeckte, das Wollen, Können, Dürfen, Müssen, Sollen. Der gesunde Mensch ist danach frei in dem von Gabriel hier gemeinten Sinn, wer wir überhaupt sein wollen.

Viktor v. Weizsäcker

 Aus Angst vor der Autonomie werden wahrscheinlich seine wirklich mutigen Thesen als Beitrag zum „Zeitgeist“ vielfach abgelehnt werden. Wer die Schrift aber wirklich als Handbuch liest, wird sich der frischen Provokation gegen den verwerflichen globalen „Burnout-Kapitalimus“ und dem ansprechenden Modell der „radikalen Mitte“ gedanklich stellen, weil das Nachdenken über das Nachdenken auch gerade in Corona-Zeiten Lust zu neuem, unversalistischem Handeln hervorruft.

Markus Gabriel, geboren 1980, ist Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn, wo er das Internationale Zentrum für Philosophie NRW und das Center for Science and Thought leitet. Zurzeit ist er Eberhard Berent Goethe Chair an der New York University.

»Dieser Autor, gerade 40 Jahre alt geworden, ist der Philosoph der Gegenwart.«
Westdeutsche Allgemeine Zeitung 03.07.2020

»Beeindruckend ist die Art und Weise, wie Gabriel der begrifflichen Verwirrung und Unschärfe begegnet. Es hat etwas ebenso Leichtes wie Unmissverständliches, wenn er – oft auf wenigen Seiten – Theorien wie Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit kritisch aufnimmt, um sie, etwa mit Blick auf die digitalisierte Öffentlichkeit, neu auszurichten.«
Gert Scobel, Philosophie Magazin 19.06.2020

Im Zeitgeist herrscht eine Verwirrung ontologischen Ausmaßes: Wirklichkeit und Fiktion scheinen heute ununterscheidbar. Davon ist nicht nur die mediale Öffentlichkeit, sondern auch das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften betroffen. Um dieser Sackgasse zu entrinnen, entwickelt Markus Gabriel in seinem neuen Buch eine realistische Philosophie der Fiktionalität, die zugleich die Fundamente einer Theorie der Objektivität der Geisteswissenschaften legt. Ein philosophisches Grundlagenwerk. In seinem Zentrum steht die »Selbstbildfähigkeit« des Menschen, die fundamental sozial reproduziert wird, ohne deswegen sozial konstruiert zu sein. Fiktionen – paradigmatisch dramatis personae unserer ästhetischen Vorstellungswelten wie Anna Karenina, Macbeth, Mephistopheles oder Jed Martin, der Protagonist von Michel Houellebecqs Karte und Gebiet – sind wirksame Prozesse der Selbstdarstellung der geistigen Lebensform des Menschen. Um dies anzuerkennen, muss der anthropologischen Zentralstellung der Einbildungskraft zu ihrem Recht verholfen werden. Auf diese Weise überwindet der Neue Realismus Gabriels den falschen Gegensatz von Sein und Schein, um unseren bedrohten Sinn für das Wirkliche zu rekalibrieren. (suhrkamp 2020)

2ü15

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