„Worum es in den schönen und heilenden Künsten geht“

Was unterscheidet die „Dichterärzte“ wie Schiller, Keats, Tschechow, Döblin, Benn, Goetz, Antunes im Wesentlichen von anderen Ärzten und Dichtern?

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller

Ärzte, Dichter und Rebellen (K.F. Masuhr)

„Meine gegenwärtige Lage nötigt mich, den Grad eines Doktors der Medizin anzunehmen“, notiert Friedrich Schiller, als er im Jahr 1782 eine poetische Pause einlegt, um sich der „Philosophie der Physiologie“ zuzuwenden. „Vielleicht umarmt mich dann meine Muse umso feuriger, je länger ich von ihr geschieden war …“

Von den bekannten Medizinern, die in den letzen drei Jahrhunderten als Schriftsteller hervortraten, sind neben Friedrich Schiller, dessen 250. Geburtstag im Jahr 2009 gefeiert wurde, weitere bedeutende Dramatiker wie Georg Büchner und Arthur Schnitzler besonders zu erwähnen, da sie – auf der Suche nach Spuren der Psychosomatik in ihrem Werk und Werdegang – die Richtung angeben können. Sie waren wissenschaftlich tätig, gewannen wichtige psychologische Erkenntnisse und rebellierten – als Arztsöhne – nicht nur gegen ihre Väter, sondern auch gegen die herrschende Medizin und Gesellschaft. Der junge Privatdozent Georg Büchner wurde darüber zum Revolutionär. Arthur Schnitzler, der die innovative Erzähltechnik des inneren Monologs durchsetzte, wird als literarisches Pendant Sigmund Freuds bezeichnet.

Drei Ereignisse der letzten Zeit belegen die Spannbreite des Arztdichter-Themas und die noch immer gültige Sprengkraft des Zusammenwirkens von Medizin und Dichtkunst: Während der Chirurg Uwe Tellkamp mit dem Deutschen Buchpreis 2008 und der Neurologe Jens Petersen mit dem Ingeborg-BachmannPreis 2009 ausgezeichnet worden sind, hat sich der Psychiater und Lyriker Radovan Karadzic wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vor dem Haager Tribunal zu verantworten.

Die meisten Autoren wurden nicht als Ärzte bestimmter Fachrichtungen berühmt, sondern erst bekannt, als sie aus ihrer Berufsrolle heraustraten, um schriftstellerisch und manchmal auch in dieser Konsequenz politisch tätig zu werden, wie z. B. der Nervenarzt und Essayist Heinrich Hoffmann, der 1848 ins Frankfurter Vorparlament als Abgeordneter einzog. Der „Struwwelpeter“ brachte ihm weltweiten Ruhm. Hoffmann verhielt sich nicht anders als viele sozialkritisch eingestellte Arztdichter des 20. Jahrhunderts wie Archibald Joseph Cronin, Friedrich Wolf, Heinar Kipphardt, und Wilhelm Kütemeyer. Das tätige Reisen als Schiffsarzt diente der Gesundheit der Arztdichter Gottfried Benn, Peter Bamm, Sir Arthur Conan Doyle und Michael Bulgakow. Ärzte reisen offenbar gern um die weite Welt, darunter auch die Schriftsteller William Somerset Maugham, Georges Duhamel, Axel Munthe und schon im 17. bzw. 19. Jahrhundert die Lyriker Paul Fleming und John Keats, die allerdings früh einer Infektionskrankheit nach weiten Reisen erliegen. Das Besondere an „Dichterärzten“ Was unterscheidet die „Dichterärzte“ (T. Nasemann 1993) im Wesentlichen von anderen Ärzten und Dichtern?

Was unterscheidet die „Arztdichter“ wie Schiller, Keats, Tschechow, Döblin, Benn, Goetz, Antunes im Wesentlichen von anderen Ärzten und Dichtern?

• Naturwissenschaftlich orientierte Mediziner berichten lebensnäher und detailreicher als andere Schriftsteller über Erfahrungen mit der Körpermedizin.

• Geisteswissenschaftlich geschulte Mediziner zeichnet vor allem ihre Fähigkeit zu phänomenologischer Betrachtung aus.

Psychosomatisch orientierte Mediziner sind meist keine unabhängigen Berichterstatter, sondern zugleich auch anteilnehmende Therapeuten für Körper und Psyche.

• Arztdichter verfügen über ein besonderes Sensorium, um das wahrzunehmen, was sie als Ärzte und Dichter betrifft, worum es in den schönen und heilenden Künsten geht, und was sie selbst angeht, weil es ihnen nahe geht.

• Der Doppelberuf verhilft Arztdichtern zu alltäglichen Einblicken und einzigartigen Erfahrungen im Umgang mit menschlichem Leben und Leiden. Sie konfrontieren sich auf verschiedenen Ebenen mit sozialem Elend, das mit medizinischen und literarischen Mitteln kaum zu ändern ist und entschiedenes politisches Handeln herausfordert. Aus diesem Grund gehen einige Autoren in die Politik, andere werden zu Revolutionären.

Wenn Mediziner wie die jungen Rebellen Friedrich Schiller und Georg Büchner auf der Flucht vor der Obrigkeit waren oder – wie Jean-Paul Marat und Ernesto Che Guevara – in letzter Konsequenz als Revolutionäre agierten, mussten sie früh ihr Leben lassen. Ernst Weiß und Jan Korczak wurden wie die Mediziner der „Weißen Rose“ zu Opfern des NS-Terrors, Hans Carossa und Louis Ferdinand Céline in Abwesenheit zum Tod verurteilt, aber gerettet bzw. begnadigt. Friedrich Schiller, Michael Bulgakow und Heinar Kipphardt desertierten, neun Arztdichter kamen in Haft, sechs gingen ins Exil. „Arzttum ist immer Kämpfertum“, hieß es im Kreis der Militärärzte des Zweiten Weltkriegs (A. Neumann 2005). Uniformität und Konformität verlängerten die durchschnittliche Lebenserwartung signifikant. Dies trifft für fast alle Arztdichter in Uniform zu, die unterschiedlichen Regimes dienen. Nur drei der hier vorgestellten Autoren, die Theologen Angelus Silesius, Francois Rabelais und Albert Schweitzer, ergriffen erst den Arztberuf, nachdem sie schon als Schriftsteller erfolgreich gewesen waren.

(Masuhr, K.F.: Hamburger Ärzteblatt 01, 35, 2010)

 

VIDEO (WDR): Friedrich Schiller

Pionier der Psychosomatik

Viktor von Weizsäcker

Weizsäcker
Viktor von Weizsäcker, Neurologe und Internist

vgl. https://www.researchgate.net/project/Pioniers-of-psychosomatic-medicine-and-modern-results-of-integration

An den Schnittpunkten der Lebensgeschichten mit der Geschichte ergänzen sich die biographischen Methoden der Human- und Geisteswissenschaften.

In der psychosomatischen Anamnese zeigt der subjektive biographische Kalender fortlaufend auf, ob ein Leben „gelebt oder ungelebt“ sei, wie Viktor von Weizsäcker (1886–1957) es formulierte, der Begründer der modernen Psychosomatik und anthropologischen Medizin. Seine Theorie der Einheit von Wahrnehmung und Bewegung ist von dem Grundsatz geleitet:
Wer Lebendes erforschen will, muss sich am Leben beteiligen.
Die Heidelberger Schule mit dem von der Psychoanalyse beeinflussten Theoriemodell der anthropologischen Medizin, in deren Verständnis der Mensch nicht als Objekt, sondern als Subjekt im Innen-Außen-Verhältnis von Ich und Umwelt betrachtet wird, wandte sich ab von den rein beobachtenden Verfahren der Physiologie und der deskriptiven Psychopathologie zugunsten einer auf Empathie beruhenden Dialogik der biographischen Medizin; denn der diagnostische Blick durch ein Schlüsselloch, gerichtet auf Menschen, die dadurch zu passiv Kranken, zu Patientinnen und Patienten werden, kann einen Dialog nicht ersetzen. Im partnerschaftlichen Gespräch ist zu erfahren, was der behutsame narrative Zugang an wesentlichen Daten der Lebensgeschichte (oral history) aus der Erinnerung (Anamnese) ergibt, um auch zunächst „unerklärliche“ Begleitumstände und Folgeerscheinungen einer Krankheit oder Karriere, einer persönlichen Begegnung oder Trennung, gemeinsam mit dem psychosomatisch Kranken analysieren zu können.

Die entscheidende Frage lautet: Warum gerade jetzt? Warum tritt ein Herz- oder Asthmaanfall in einer bestimmten biographischen Situation, an einem besonderen Jahrestag auf? Gelegentlich wird eine biographische Krise wie in einer Erstarrung durchlebt und verleugnet; ein Leben scheint „ungelebt“ und – wie es eine Dramenfigur Anton Tschechows (1860–1904) sagte – „vertan“ zu sein.

vgl. aktuelle Gesundheitsthemen

Der Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf

Zur Lehnitzer Lesung: Der Psychiater und Dramatiker Friedrich Wolf, geb. am 23.12.1888 in Neuwied, studierte Medizin, Philosophie und Kunstgeschichte, verfasste eine Dissertation über Multiple Sklerose im Kindesalter (1913) und war als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Bonn tätig.

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Nach der Kriegstrauung mit der Heilgymnastin Käthe Gumpold verdingte er sich im I. Weltkrieg wie Gottfried Benn zunächst als Schiffsarzt, dann als Sanitätsoffizier. An der Front schrieb er erste Erzählungen. Nach der Scheidung von Käte Wolf gründete er mit der Erzieherin Else Dreibholz eine Familie. Aus dieser im Jahr 1922 geschlossenen Ehe gingen zwei Söhne hervor, Markus und Konrad, die – wie zuvor schon ihr Vater – zu höheren Funktionsträgern in der DDR der 1950–1980er Jahre werden sollten. Markus Wolf (1923–2006) war Leiter des Auslandsgeheimdienstes der DDR, Konrad Wolf (1925–1982) Filmregisseur und Präsident der Akademie der Künste. 

Wolfs größter Bucherfolg war Die Natur als Arzt und Helfer (1928). Ein Jahr später fand in Berlin die Uraufführung des Stücks Cyankali statt, mit dem Wolf gegen den Abtreibungsparagraphen kämpfte. 1932 wurde er verhaftet. Zwei Wochen später wurde er nach einer öffentlichen Protestaktion freigelassen. 1933 entkam er vor drohender Verhaftung nach Österreich, reiste dann nach Zürich, wo die deutschsprachige Erstaufführung des Professor Mamlock (1935) seinen Welterfolg begründete, und anschließend nach Paris. 1939 wurde er von den französischen Behörden interniert, 1940 erging das Aufführungsverbot gegen den russischen Film Professor Mamlock.

Ein Chronist schrieb später über ihn, er sei ein dreifaches NS-Opfer gewesen, „Jude, Kommunist, revolutionärer Stückeschreiber“.

1941 erwarb er im Moskauer Exil die sowjetische Staatsbürgerschaft. 1949 wurde er zum Professor an der Pädagogischen Hochschule Potsdam und 1950 zum Botschafter in Polen ernannt. Damals erhielt er den DDR-Nationalpreis. Am 5.10.1953 starb er im Alter von 64 Jahren an einem Herzinfarkt.

Deutsches Ärtzeblatt (2006):

https://www.aerzteblatt.de/archiv/53170/Friedrich-Wolf-Revolutionaer-im-Einfamilienhaus

Deutsches Ärtzeblatt (2018)

https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=203918

Herta Nathorff, Ärztin und Dichterin

 

Es verwundert nicht, dass im 19. und selbst noch im 20. Jahrhundert nur wenige Ärztinnen neben ihrem Einsatz für Kranke und der Arbeit für die eigene Familie auch noch literarische Texte verfassten, wie zum Beispiel Harriet Straub (1872–1945), eine der ersten approbierten Medizinerinnen, die sich zudem in der Frauenbewegung engagierten,

wie auch Hertha Nathorff (1895–1993), Charlotte Wolff (1897–1986) und Nawal El Saadawi (*1931).

Hertha Nathorff, geborene Einstein, Ärztin, Psychotherapeutin und Schriftstellerin, war Mitbegründerin der ersten Ehe- und Sexualberatungsstelle in Berlin-Charlottenburg. Nach Berufsverbot (1933) und Approbationsentzug (1938) emigrierte sie über London in die USA (1939). Ihr Kommentar im Tagebuch:

Sie haben meine Seele verbrannt, mein Leben zerstört, meine Jugend, meinen Frohsinn, mein ganzes Ich ausgelöscht wie der Sturm ein brennendes Licht, wie das geschah: meine Blätter mögen es erzählen.

Sie betätigte sich in der Frauenbewegung, verfasste Kurzgeschichten, Gedichte und die preisgekrönte Biographie Mein Leben in Deutschland (1940).

Vgl. Planet Wissen:

https://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/novemberpogrome/pwiedastagebuchderhertanathorff100.html

Northhoff Hertha Abb

Psychosomatik akuter Schmerzen

Ärzte, Dichter und Rebellen-psychosomatische Aspekte

https://www.researchgate.net/publication/271117950_Differentiated_Diagnostics_and_Multimodular_Therapy_of_Neuropathic_Pain

Über das Buch “ Ärzte, Dichter und Rebellen – psychosomatische Aspekte“  von Karl F. Masuhr. Dazu ein Film zur Psychosomatik von Schmerzen.

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Dr. Mechthilde Kütemeyer

Es geht um den subjektiven biographischen Kalender, in dem der akute Schmerzbeginn bei schweren traumatischen Ereignissen aufgezeichnet ist.

Körperschmerz – Seelenschmerz Video © WDR

Zum 80. Geburtstag von Mechthilde Kütemeyer

s. auch Autorinnen in der Medizin

In diesem preisgekrönten Film des WDR von 1998 wirkt die Neurologin und Psychotherapeutin Dr. med.  Mechthilde Kütemeyer (7.12.1938 – 8.10. 2016) mit.

Gibt es auch Dichterinnen im Bereich der Medizin?

In der Monographie von Wilhelm Theopold mit dem Titel
Doktor und Poet dazu.  Dichterärzte aus fünf Jahrhunderten“
wird beklagt, dass es immer an Ärztinnen in der schönen Literatur gefehlt habe.  Dies sei dem historisch späten Beginn des Frauenstudiums geschuldet: Unter den zahlreichen Poeten finde sich „keine einzige“ Medizinerin.

Dies trifft aber nicht zu.

Ein neues Aufgabengebiet eröffnete sich unabhängigen Ärztinnen und Ärzten auch außerhalb europäischer Grenzen. Darüber berichtet die Schriftstellerin und Ärztin Inga Wißgott, die zwei Gedichtbände über Medizinisches und Menschliches (2003)und einen Bericht über ihren Einsatz als Chirurgin in Afrikas Krisenregionen publizierte: Ärztin ohne Grenzen (2009).

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Inga Wißgott, Wien, Ärztin ohne Grenzen, Lyrikerin und Erzählerin

Auf die Frage, wie sie auf die Idee gekommen sei, mit den Ärzten ohne Grenzen nach Afrika zu gehen, antwortete sie, ihre Mutter, selbst Ärztin, habe ihr schon früh von Albert Schweitzer (1875–1965) erzählt, der sich der Humanität verschrieben und in Afrika ein Spital aufgebaut hatte.

Zur Situation der Frauen in Literatur und Medizin

Während der ritterliche Minnesang des Mittelalters die Frau vielfach auf einen begehrten Gegenstand der höfischen Dichtkunst reduzierte, griff in der Neuzeit eine Reihe von Autorinnen aus eigener Lust an der Poesie zur Feder. Hinzu kam das allgemein wachsende wissenschaftliche Interesse an der Medizin.

Es verwundert allerdings nicht, dass im 19. und selbst noch im 20. Jahrhundert nur wenige Ärztinnen neben ihrem Einsatz für Kranke und der Arbeit für die eigene Familie auch noch literarische Texte verfassten, wie zum Beispiel Harriet Straub (1872–1945), eine der ersten approbierten Medizinerinnen, die sich zudem in der Frauenbewegung engagierten, wie auch Charlotte Wolff (1897–1986) und Nawal El Saadawi (*1931).

2 Harriet Straub neu
Harriet Straub (Hedwig Mauthner, 1872-1945) „Wüstenärztin“, Erzählerin, S.16 Doctors, poets and rebels

33 El Saadawi
Nawal El Saadawi, Kairo, Psychiaterin, Erzählerin und Rebellin  (S. 249)

26 Charlotte Wolff
Charlotte Wolff, Ärztin, Dichterin und Rebellin

s. a. Charlotte Wolff  S. 74,  Alice Jones S. 23, Margaret Atieno Ogala S. 28,  Herta Nathorff und  Elizaveta Polonskaja S. 89,  Annemarie Leibbrand S. 90 und Vera I. Gedroitz S. 163.

Northhoff Hertha Abb
Hertha Nathorff, Ärztin und Dichterin

wissgott heute
Inga Wißgott, Wien, Ärztin ohne Grenzen, Lyrikerin und Erzählerin

Ilse Aichinger, geb. am 1.11.1921, „eine der wichtigsten und                            
widerständigsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur nach 1945″  
war Tochter  einer  jüdischen  Ärztin.  Ihr  Vater  übte  einen  pädagogischen
Beruf aus. Nach der frühen Scheidung der Eltern (1927) lebte sie
bei ihrer Mutter und Großmutter in Wien. 1942 erhielt die Mut-
ter  Berufsverbot,  und  die  Großmutter  wurde  in  ein  Vernich-
tungslager bei Minsk deportiert. Ilse Aichinger rettete das Leben
ihrer Mutter, als sie sie in einem Haus – gegenüber dem Wiener
Gestapo-Hauptquartier  –  versteckte.  Sie  wollte  Ärztin  werden,
brach  aber  das  Medizinstudium  nach  fünf  Semestern  ab,  um  als
Verlagslektorin zu arbeiten und eigene Prosatexte, darunter den
autobiografischen  Roman  Die  größere  Hoffnung  (1948)  zu  ver-
fassen. Sie war mit dem Lyriker und Hörspielautor Günther Eich
(1907–1972) verheiratet, den sie bei einer Tagung der Gruppe 47
kennen gelernt hatte; beiden wurde der Preis der Gruppe 47 ver-
liehen.  Kurz  nach  ihrem  95.  Geburtstag  starb  Ilse  Aichinger  am 11.
November 2016 in Wien. Siehe auch Spiel, Poesie, Sexismus oder Kunst?

Ilse  Aichinger

Quadratur des Kreises neurophysiologisch lösbar

Gehirn

Abbildung der oberen Hirnfurchen: Rechts der Bildmitte motorische Hirnrindenregion, weiter rechts davon in Richtung Hinterkopf sensible Hirnrindenregion.

 

Lässt sich das Problem der Quadratur des Kreises physiologisch lösen?

In der taktilen Wahrnehmung verschmilzt ein wiederholt auf die Haut gezeichnetes Vieleck allmählich zu einer kreisförmigen Struktur.

Je häufiger man einen leichten Hautreiz an derselben Stelle setzt, desto eher wird er umgedeutet. Obwohl der Betroffene wach ist, scheint die Wahrnehmungsfunktion zu ermüden. In diesem Zustand kann ein geometrisches Objekt mit einem anderen verwechselt werden. Das zeigt sich bei der Dermolexie, wenn die wiederholt auf ein bestimmtes Hautareal gezeichnete Figur, ein Viereck oder auch eine Zahl, mit zunehmender Stimulationsdauer nicht mehr differenziert werden kann, da die bei geschlossenen Augen zunächst richtig erkannte Form wie das Quadrat in der taktilen Wahrnehmung allmählich zu einer kreisförmigen Struktur verschmilzt,  obwohl weder an der Art noch am Ort der Stimulation etwas verändert wird.

Mit Viktor von Weizsäckers Worten ist daher festzustellen, dass bei diesem Funktionswandel „etwas Neues geschaffen wurde wie bei einer Schöpfung, wie bei einer Dichtung.“

Da der sensible Funktionswandel bei gesunden Personen umkehrbar ist, also bei nachlassender Ermüdung der zuvor statt eines Vierecks wahrgenommene Kreis wieder als Quadrat erkannt wird, löst die neuronale Physiologie auf anschauliche Weise das Problem der Quadratur des Kreises.

Es ist der Funktionswandel des Quadrats zum Kreis und umgekehrt die Quadratur des Kreises.

 

Doctors, poets, and rebels – psychosomatic aspects in their work

Someday, I will hear the tabla, whose rhythm
no EKG can capture and no cardiologist
can interpret. The music will
take me back to the lotus pond
our old home in the village of Sultanpur:
then, I will drift away on the fallen petals.

Eines Tages werde ich die Tabla hören, deren Rhythmus
kein EKG aufnehmen und kein Kardiologe
interpretieren kann. Die Musik wird
mich zum Lotusteich zurückbringen
an unser altes Haus im Dorf Sultanpur:
dann werde ich auf fallenden Blütenblättern wegtreiben.

Jon Mukand, Doctor and Poet

Link zur Neuerscheinung bei K&N:

https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/product_info.php/info/p8768_Aerzte–Dichter—Rebellen–Psychosomatische-Aspekte-ihres-Wirkens-.html

Doctors, Poets, and Rebels, Ärzte, Dichter und Rebellen

Early traces of Psychosomatics in fiction and particularly in drama can be found in pathbreaking texts by Friedrich Schiller, Georg Büchner, and Arthur Schnitzler. These medical doctors pay close attention to the mind-body problem. They transfer their observations into poetry, creating world literature. As sons of doctors, they rebelled against their fathers as well as some of the dominant concepts of medicine and society.
 

Friedrich Schiller

Friedrich Schiller. It were the plays about freedom: „Die Räuber “(1782) „Don Carlos “(1787) and „Wilhelm Tell “(1804) which established Friedrich Schiller’s fame; Schiller, son of a surgeon (Wundarzt), studied medicine at the military academy in Stuttgart. Before the successful premiere of “Die Räuber” in Mannheim, the budding regimental doctor has drawn up three academic studies dealing with philosophic, physiologic, and psychosomatic issues.
 
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Georg Büchner. The playwriter and private lecturer Georg Büchner can be considered a precursor of Psychosomatics within scientific medicine”. His father was a surgeon and the district doctor of Darmstadt. Georg Büchner’s fierce debates about the issue of the Biedermeier-attitude led him to become a revolutionary. His most important plays are “Dantons Tod„ (1835) and „Woyzeck “(1836).
 
 
Schnitzler
Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler. Towards the end of the 19th century, the doctor, dramatist, and storyteller Arthur Schnitzler who was the son of a laryngologist in Vienna linked Literature and Psychoanalysis to represent processes of the inner life. These efforts were based on his works about hypnotic and suggestive therapies of functional (psychogenic) disorders. He developed with Lieutenant Gustl (1900) und Fräulein Else (1924) the narrative form of the “internal monologue” for the German language.

The book introduces 53 poets, doctors, rebels, for example, Francois de Rabelais and Johann Christian Günther, John Keats and Justinus Kerner, or Alfred Döblin, Rainald Goetz and Jon A. Mukand. In the 20th century, poets and doctors like Harriet Straub, Charlotte Wolff and Hertha Nathorff, who were engaged in the Women’s movement, joined them. These writers have a unique sensorium to perceive what might be significant for them as doctors and poets, what art and medicine are about, and what effects their lives because it affects them. Whichever observations and adventures they transform into literature: it is the medical work that provides experiences about life and pain.
 
The author of this book, Karl F. Masuhr: „My special actual research interest is neuropathic pain. „Literature and medicine“, is annother research interest to investigate the mission impossible, beeing a doctor, a poet and a rebel in one person, as Jean Paul Marat, Arthur Schnitzler, Georg Büchner and Friedrich Schiller or Harriet Straub, Nawal El Saadawi, Herta Nathorff, Charlotte Wolff, Rainald Goetz, Hainar Kipphardt, Friedrich Wolf, Antonio Lobo Antunes – not to forget John Keats and Alfred Döblin. Phenomenologic and psychodynamic methods („biographische Medizin“) to compare individual biographies.“
 
 
Read also: Masuhr, K.F.:
Whereas acute pain acts as a warning sign, neuropathic pain loses this protective attribute and develops a self–sustaining chronic course. Almost 33 % of the general population report chronic pain and at least 3,3 % neuropathic pain, in Germany ≤ 5 million people. The prevalence is higher in women and increases with age. Neuropathic pain is defined as a direct consequence of a lesion or disease affecting the somatosensory system either at peripheral or central level. Spontaneously occurring dysesthesias, particularly burning pain and repetitive stimulus–triggered neuralgias such as classical trigeminal neuralgia are typical clinical features. Neuropathic pain is frequently found in patients with radiculopathy, nerve compression syndrome and polyneuropathy. The complex regional pain syndrome (CRPS) is associated with abnormal sudomotor, vasomotor and trophic findings as well as psychosomatic symptoms. Frequent reasons for neuropathic pain of CNS origin are cerebral ischemia and traumatic injuries of the spinal cord with phantom pain. Clinical examination, including accurate sensory examination and Quantitative sensory testing (QST), is the basis of pain diagnosis and therapy. It is important to distinguish neuropathic pain from other chronic pain syndromes: Multimodal therapy differs from treatment of nociceptive pain (for example, in most cases of arthropathy), when the nervous system is intact. Drugs of choice are antidepressants and antiepileptics with analgesic properties.
 
 

 
 
 
Auf der Suche nach frühen Spuren der Psychosomatik in der Dramen- und Prosaliteratur finden sich wegweisende Texte von Friedrich Schiller, Georg Büchner und Arthur Schnitzler. Diese Mediziner befassten sich eingehend mit dem Leib-Seele-Problem. Einige ihrer ersten Beobachtungen und Einsichten gingen unmittelbar in die Dichtkunst und damit in die Weltliteratur ein. Als Arztsöhne rebellierten sie nicht nur gegen ihre Väter, sondern auch gegen die herrschende Medizin und Gesellschaft.
 
Friedrich Schiller wurde als Autor der Freiheitsdramen „Die Räuber“ (1782) „Don Carlos“ (1787) und „Wilhelm Tell“ (1804) berühmt; er war Sohn eines Wundarztes und studierte an der Stuttgarter Militärakademie Medizin. Der angehende Regimentsmedikus hatte schon vor der triumphalen Mannheimer Uraufführung seines Schauspiels „Die Räuber“ (1782) drei Studien verfasst, die sich mit philosophischen, physiologischen und psychosomatischen Problemen beschäftigten.
 
Georg Büchner. Auch der Dramendichter und Privatdozent Georg Büchner kann als ein Vorbote psychosomatischen Denkens in der naturwissenschaftlichen Medizin angesehen werden. Sein Vater war Chirurg und Kreisarzt von Darmstadt. Georg Büchner führte eine erbitterte Auseinandersetzung mit der restaurativen Biedermeier-Gesellschaft und wurde darüber zum Revolutionär. Seine bekanntesten Werke sind “Dantons Tod„ (1835) und „Woyzeck“ (1836).
 
Arthur Schnitzler. An der Wende zum 20. Jahrhundert war es der Arzt, Dramatiker und Erzähler Arthur Schnitzler, Sohn eines Wiener Laryngologen, der ausgehend von seinen Studien zur hypnotischen und suggestiven Therapie funktioneller (psychogener) Störungen, ein Bindeglied zwischen Literatur und Psychoanalyse herstellte, um vorbewusste Vorgänge des Seelenlebens darstellen zu können. Er entwickelte mit den Novellen Lieutenant Gustl (1900) und Fräulein Else (1924) die Erzählform des „inneren Monologs“ für die deutsche Sprache.
 
50 weitere Dichter, Ärzte und Rebellen – von Francois de Rabelais und Johann Christian Günther über John Keats und Justinus Kerner bis hin zu Alfred Döblin, Rainald Goetz und Jon A. Mukand– werden hier vorgestellt. Im 20. Jahrhundert kamen auch Dichterinnen und Ärztinnen wie Harriet Straub, Charlotte Wolff und Hertha Nathorff zu Wort, die sich für die Frauenbewegung einsetzten. Diese Autoren/Autorinnen verfügen über ein besonderes Sensorium, um das wahrzunehmen, was sie als Ärzte und Ärztinnen, als Dichter und Dichterinnen betrifft, worum es in der Kunst und Medizin geht und was sie selbst angeht, weil es ihnen nahegeht. Welche Beobachtungen und Erlebnisse auch immer in Literatur verwandelt werden, die ärztliche Tätigkeit verhilft ihnen zu einzigartigen Erfahrungen im Umgang mit menschlichem Leben und Leiden.

Link zum DeutschlandfunkKultur;

https://www.deutschlandfunkkultur.de/dichtende-aerzte.950.de.html?dram:article_id=133443

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The very beginning

Ärzte, die Dichter waren00011 Cover vorn .jpgneugierige Katzr liest den Titel„Ärzte, Dichter und Rebellen“, soeben erschienen. Jetzt liegt das erste Exemplar auf dem Tisch, druckfrisch, und die Nachbarskatze springt auf diesen Tisch,  um an dem Buch zu schnuppern oder den Titel zu lesen. Dachte ich. Aber sie ist von dem Würfel fasziniert! Der Buchumschlag strahlt Ruhe aus, aber das Kipp-Phänomen des Necker-würfels mit den ständig wechselnden Perspektiven schafft Unruhe, Bewegung. Das ist beabsichtigt.