Schöner schreiben

Eine Möwe fliegt am Dienstag (04.01.2011) um 08:50:50 Uhr, als die Sonne sich zum ersten Mal am Himmel über Dresden zeigt, an der grellen, partiell durch den Mond verdunkelten Sonne vorbei. Drei Mal wird es in diesem Jahr noch eine partielle Sonnenfinsternis geben: am 1. Juni, 1. Juli und 25. November 2011, doch keines der drei Ereignisse ist von Mitteleuropa aus zu sehen. Foto: Arno Burgi dpa/lsn +++(c) dpa – Bildfunk+++

Hauke Goos

So schön ist es, wenn die Welt in Finsternis versinkt

Adalbert Stifter, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842

„Die Luft wurde kalt, empfindlich kalt, es fiel Tau, daß Kleider und Instrumente feucht waren – die Tiere entsetzten sich; was ist das schrecklichste Gewitter, es ist ein lärmender Trödel gegen diese todesstille Majestät.“

Nichts, hat der große Elias Canetti gesagt, fürchte der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes, und weil beides, die Berührung ebenso wie die Furcht, schwer auszuhalten ist, versucht der Mensch, sich das Unbekannte bekannt zu machen, es einzureihen: indem er Worte dafür findet.

Naturgemäß entzieht sich Unbekanntes der Beschreibung. Die Grenzen meiner Sprache, schreibt Wittgenstein, bedeuten die Grenzen meiner Welt; wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Es bleibt ein Ungenügen. Naturphänomene, Extremerfahrungen, überhaupt Unerhörtes: Wem es die Sprache verschlägt, hätte gern in Worte gefasst, was er fühlt, was er ahnt, was er fürchtet; was ihn erhebt.

Für Dichter eine schöne Herausforderung. Wie beschreibt man, was anderen „unbeschreiblich“ erscheint? Wo findet man Worte für Dinge, die alle anderen wortlos machen?

Eine Sonnenfinsternis beispielsweise: so selten und so sprachverschlagend, dass die Menschen bis heute rätseln, ob nicht doch eine Sonnenfinsternis gewesen sein kann, was die Bibel beschreibt, als Christus am Kreuz stirbt: „Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Toten standen aus den Gräbern auf, und der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten.“

Eine Sonnenfinsternis ist, einerseits, erst einmal Physik. Adalbert Stifter, der Dichter des „Nachsommers“, wusste das, als er am 8. Juli 1842 in Wien, „bei dem günstigsten Himmel“, Zeuge einer totalen Sonnenfinsternis wurde. Stifter hatte Mathematik, Astronomie und Physik studiert, er konnte die astronomischen Voraussetzungen jederzeit erklären: Sonne, Erde und Mond in einer Linie, Bewegungen umeinander, Licht, Helligkeit und Schatten. Leicht hätte er aus Achsendrehung und Trabantenbahnen, aus Beleuchtungsstärke, Protuberanzen und Perlschnurphänomen eine Zeichnung fertigen können, die das Ereignis maßstabsgetreu abbildet.

Es hätte nur nichts erklärt.

Stifter weiß, dass er eine Sprache finden muss. Und da er keine neuen Wörter erfinden kann, muss er die bekannten Wörter so kombinieren, dass sich das Nie-Geschaute in ein Nie-Gehörtes verwandelt. 

Die Natur wird still, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich? Die Schwalben wurden unruhig, schreibt Stifter, eine Art Vorbeben. Und dann: „Die Tiere entsetzten sich“ – Unruhe, Stille und namenlose Furcht in einem. 

SPIEGEL-Reporter Hauke Goos zeigt an Beispielen aus der Literatur, wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann.

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