Einleitung

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Prof-Karl-Max-Einhaeupl, seit 2008 Vorstand der Charité

Geleitwort

Im letzten Jahrhundert der mehr als 300-jährigen Geschichte der Berliner Charité gab es unter den bekannten Ärzten und Forschern nicht nur Nobelpreisträger der Medizin, wie zum Beispiel Robert Koch (1843–1910), Paul Ehrlich (1854–1915) und Emil von Behring (1854–1917), sondern auch eine Reihe namhafter Schriftsteller, die mit Romanen, Gedichten oder Dramen hervortraten. Jeder zehnte der in diesem Buch vorgestellten Arztdichter war an der Charité tätig, unter anderen Alfred Döblin, Gottfried Benn, Peter Bamm und Heinar Kipphardt.

Die expressionistischen Dichter Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) und Gottfried Benn („Morgue-Zyklus“) gelten heute als bedeutende Vertreter der literarischen Moderne. Peter Bamm („Die unsichtbare Flagge“) vertrat als Sanitätsoffizier und einer der wenigen MedizinSchriftsteller im Zweiten Weltkrieg die vom NS-Regime verratenen humanistischen Ideale. Heinar Kipphardt („Bruder Eichmann“) wechselte von der Charité zum Deutschen Theater und dann vom Osten in den Westen. Viele der hier erwähnten 53 Autoren haben in der Psychiatrie und Neurologie gearbeitet. Bei dem allgemein wachsenden wissenschaftlichen Interesse an der Nervenheilkunde gelang es ihnen, die Medizin mit schöner Literatur zu verbinden. Sie wurden dafür mit Literaturpreisen ausgezeichnet, aber auch häufig attackiert und verfolgt. Der Neurologe Jens Petersen, der den Ingeborg Bachmann-Preis (2009) erhielt, äußerte sich zu seiner ärztlichen und schriftstellerischen Tätigkeit mit den Worten:


„Vielleicht gibt es keinen schöneren Beruf, keinen, der einen das menschliche Leben in seiner Bandbreite von der Geburt bis zum Tod so intensiv erfahren lässt, der Gelegenheit gibt, Menschen unterschiedlichster Schichten und Kulturkreise in Momenten der Wahrhaftigkeit kennenzulernen.“


Karl F. Masuhr, der Autor des Essays „Ärzte, Dichter und Rebellen“, der als Neurologe an der Freien Universität Berlin tätig war, zeigt auf, wie die Erfahrungen im Umgang mit menschlichem Leben und Leiden das literarische Werk dieser Autoren beeinflussten. Zweifellos kommen – und auch das zeigt Masuhr – ärztliche und psychologische Erfahrungen der schriftstellerischen Arbeit zugute, doch sei ein individueller Widerstand geradezu „konstitutiv für das komplexe Zusammenspiel von Medizin und Poesie“. Denn nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Medizin sind divergierende Vorstellungen angelegt, die, von beiden Seiten kommend und in beide Richtungen gehend, Widerstand herausfordern. Das Buch ist weit mehr als eine Sammlung biographischer Details. Es zeigt die prägende Wirkung ärztlichen Erlebens für das literarische Engagement der Protagonisten. Professor Dr. med. Karl Max Einhäupl, Vorstand der Charité

Harriet Straub, Ärztin, Dichterin und Rebellin

Aus: Ärzte, Dichter und Rebellen, Würzburg 2018. In der Neuzeit griff eine Reihe von Autorinnen aus Lust an der Poesie zur Feder. Hinzu kam das allgemein wachsende wissenschaftliche Interesse an der Medizin, besonders an der Nervenheilkunde. Es verwundert aber nicht, dass im 19. und selbst noch im 20. Jahrhundert nur wenige Ärztinnen neben ihrem Einsatz für Kranke und der Arbeit für die eigene Familie auch noch literarische Texte verfassten, wie zum Beispiel Harriet Straub (1872–1945), eine der ersten approbierten Medizinerinnen, die sich zudem in der Frauenbewegung engagierten, wie auch Hertha Nathorff (1895–1993), Charlotte Wolff (1897–1986) und Nawal El Saadawi (*1931).

Harriet Straub (Hedwig Mauthner) hatte nach dem Medizin- und Philosophiestudium ein Jahrzehnt lang arabische Frauen in der Sahara behandelt. Sie schrieb zwischen 1909 und 1933 zahlreiche Prosatexte, darunter Heiße Sonne. Aischa. Der schwarze Panther und Aus Anette Drostes Leiden. In einem ihrer Bücher mit dem Titel Buch „Zerrissene Briefe“ (1913) bekannte sie:

„Ich wäre gern dabei, wenn die alten Götzen zusammenpurzeln, ich hab hier, in der Stille der Wüste den Axthieb gehört, der ihre Wurzeln zerstört und wenn die Splitter fliegen, da wär’ ich gern dabei, bei der Arbeit und beim befreienden Lachen.“

Die fiktive Korrespondenz der Ärztin und Dichterin ist eine Sammlung epischer Miniaturen. In dem Buch „Zerrissene Briefe“ ist der Brief „Mutterseelenallein“ eine Botschaft, die wie ein Zettel im Vogelflug einem Kind überbracht wird – von der Mutter ein Gruß:
“ Liebes Kind, alles was ich an dir gesündigt habe durch meine tote Kälte, ich hab’s voraus gebüßt in der Sterbestunde meiner Mutter, in der ich plötzlich dastand, nackt und frierend in einer entzauberten Welt.“
Dem Schuldbekenntnis der Mutter folgt die Klage über die Grausamkeit der Großmutter, die sich, wie es weiter heißt – sterbend – zur Wand gedreht und damit im letzten Augenblick ihrer Tochter gezeigt hatte, dass sie ein unerwünschtes Kind gewesen war.

MEERSBURG

Als Schriftstellerin ist Hedwig Mauthner unter dem Namen Harriet Straub bekannt geworden. Sie hatte in Zürich und Paris Philosophie und Medizin studiert und danach war sie im Auftrag der französischen Regierung zehn Jahre in der Sahara als Ärztin tätig gewesen. Schon vor der Heirat mit Fritz Mauthner 1909 und deren Übersiedlung nach Meersburg unterstützte sie ihn in seiner Arbeit und besonders bei der Entstehung des
„Wörterbuches der Philosophie“ (1910/11). Im Glaserhäusle schrieb sie auch „Rupertsweiler Leut‘“ (1912) und „Zerrissene Briefe“ (1913). Der Tod von F. Mauthner 1923 stürzte sie in eine „totale Lebensmüdigkeit“. Ihren seelischen Zustand verschlimmerte noch die Angst um das Glaserhäusle, was zwangsversteigert werden sollte. Gerhart Hauptmann und Wilhelm Restle konnten aber mit ihrer finanziellen Hilfe den Verkauf verhindern.

Die Entlarvung des Hochstaplers

Die Fälschung war, „was die Leser glaubten“

Dem SPIEGEL-Reporter Juan Moreno ist es gelungen, die unglaublichen Fälschungen seines berüchtigten Kollegen ClAAS RELOTIUS aufzudecken. Dieser RELOTIUS, ein perfekter Hochstapler,  berichete mit Vorliebe die grausamsten Einzelheiten aus Krieg und Frieden: Folterung, Hinrichtung, Mord und erweckte mit seinen verstörenden und anrührenden „Reportagen“ das Mitleid der Leserschaft, seiner begeisterten Kritiker und unkritischen Preisverleiher: Ein herausragender „Storyteller“, ein Karl May der Kriegsberichterstattung im fernen Amerika oder Syrien.

Die besten Geschichten waren erfunden, unterhaltsame und gehaltvolle Märchen für SPIEGEL-Leser. Jede Erfindung vereinfachte natürlich die Recherchen. Der Fälscher ließ auch seine Vorgesetzten glauben, was diese glauben wollten. Die Welt sei nun einmal wahr und wahrhaftig schrecklich. Der Ausnahmereporter RELOTIUS sei in der Lage, anrührende Einzelschicksale stellvertretend für das globale Unglück mitfühlend und kompetent, unideologisch plausibel, eben wahrhaftig und gut zu erzählen. Er wurde dafür mit Journalistenpreisen überschüttet. 40 Preise für einen Hochstapler.

Juan Moreno, der unbestechliche Reporter, riskierte seine Karriere, als er die nahezu perfekten Fälschungen mittels mühevoller Nachrecherchen ad absurdum führte. So entstand eine einzigartige spannende Reportage, die sachlich auch über die aktuellen Risiken des Journalismus und historische Fälschungen informiert. Dieses investigative Journalismus hat nun wirklich und wahrhaftig einen Preis verdient.

Liest man NICOLAS BORNS berühmten Roman „Die Fälschung“ (1979), einen Kriegsbericht aus dem Libanon, der vor vierzig Jahren erschien, so fühlt man sich in die Gegenwart versetzt. Denn was damals die Zeitungen mit gefälschten Fotos als wahr darstellten, wird heute derart exakt und perfekt berichtet, dass selbst die Korrespondenten ratlos vor den Wirklichkeitsbildern stehen, weil sie vor Ort nicht mehr ausmachen können, ob das, was sie soeben gesagt oder gepostet haben, wahr oder erlogen ist oder auf gezielter Desinformation beruht.

Juan Moreno zeigt als Reporter eine Ausweg aus dem globalen Fake news-Chaos. (Marc S. Huf 29.9. 2019)

Buchdeckel: Es war der größte Fälschungsskandal seit Jahrzehnten: Ein Reporter des „Spiegel“ hatte Reportagen und Interviews aus dem In- und Ausland geliefert, bewegend und oftmals mit dem Anstrich des Besonderen. Sie alle wurden vom „Spiegel“ und seiner legendären Dokumentation geprüft und abgenommen, sie wurden gedruckt, und der Autor Claas Relotius wurde mit Preisen geradezu überhäuft. Aber: Sie waren – ganz oder zum Teil – frei erfunden.
Juan Moreno hat, eher unfreiwillig und gegen heftigen Widerstand im „Spiegel“, die Fälschungen aufgedeckt. Hier erzählt er die ganze Geschichte vom Aufstieg und Fall des jungen Starjournalisten, dessen Reportagen so perfekt waren, so stimmig, so schön. Claas Relotius schrieb immer genau das, was seine Redaktionen haben wollten. Aber dennoch ist zu fragen, wieso diese Fälschungen jahrelang unentdeckt bleiben konnten. Juan Moreno schreibt mehr als die unglaubliche Geschichte einer beispiellosen Täuschung, er fragt, was diese über den Journalismus aussagt.

Ein hervorragendes Buch, welches trotz der unmittelbaren Rolle Juan Morenos in dem Fall von einer erstaunlichen Reflektion und Abgeklärtheit, ja Sachlichkeit ist. Trotzdem hat das Buch eine den Ablauf gut fassende Dramaturgie. Es ist an keiner Stelle aufrechnend oder rächend, sondern eher von Faszination getragen und dem anfänglichen Unglauben, daß so etwas überhaupt möglich ist. Es zeigt durchweg die integren, reflektierenden, fundierten Qualitäten die Juan Moreno auszeichnen. Persönlich bewundere ich seine charakterliche Stärke nicht nur in dem Fall, sondern auch in seiner Aufarbeitung und Schilderung in diesem Buch. Zudem ist es eine fesselnde Lektüre, die man auch dann kaum auf Seite legen kann, wenn man den Fall verfolgt hat. Schließlich hebt sich das Buch erfreulich von der mit ostentativem Büßerhemd daherkommenden Aufarbeitung des Spiegels ab – welche allerdings wohl dazu beigetragen hat, daß der Spiegel erstaunlich gut davon gekommen ist. Unbedingt lesen! (D.W. 22.9. 2019)

OCEAN VUONG: Grandios

„Als ob ein Name mehr als ein Ding sein kann, tief und weit wie eine Nacht mit dem Lastwagen, der im Leerlauf an ihrem Rand steht, und du einfach aus deinem Käfig heraustreten kannst, wo ich auf dich warte.“

„Wir wurden aus Schönheit geboren. Niemand soll glauben, wir seien die Frucht der Gewalt – sondern dass Gewalt, die durch die Frucht hindurch gegangen ist, sie nicht verderben konnte.“

OCEAN VUONG

https://www.deutschlandfunk.de/ocean-vuong-auf-erden-sind-wir-kurz-grandios-sicher.700.de.html?dram:article_id=453914https://www.deutschlandfunk.de/ocean-vuong-auf-erden-sind-wir-kurz-grandios-sicher.700.de.html?dram:article_id=453914

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz

Gestern fand am Zentrum der Charité Mitte eine Klima-Kundgebung statt, die unter anderem von den Fridays For Future Charité Studis organisiert wurde. Unter den Demonstrantinnen und Demonstranten waren viele Beschäftigte der Charité, die sich für eine klimafreundliche Zukunft einsetzen. #allefuersklima

Deutsches Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106039/Klimaschutz-ist-Gesundheitsschutz

Berlin – Die Ärzteschaft in Deutschland setzt sich für den Klimaschutz ein und fordert von der Politik, die Pariser Klimaschutzziele einzuhalten. „Gesundheit und Wohlergehen der Menschen hängen ganz wesentlich vom Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ab. Klimaschutz ist deshalb immer auch Gesundheitsschutz“, sagte der Präsident der Bundes­ärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, vor dem morgigen weltweiten Klima-Aktionstag.

Reinhardt kündigte an, dass sich der nächste Deutsche Ärztetag im Mai 2020 mit den ge­sundheitlichen Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gesundheit befassen wird. „Wir wollen gemeinsam mit ausgewiesenen Experten sowohl die direkten Folgen des Klima­wandels auf den menschlichen Körper, als auch die indirekten Folgen für die globale Ge­sundheit diskutieren“, erläuterte der Ärztepräsident. Ziel sei, dass auch gesundheitliche Aspekte in die Klimapolitik der Bundesregierung mit einfließen.

Georg Büchner: Woyzeck

WOYZECK
von Georg Büchner
Regie: Jan-Christoph Gockel
Premiere 19.10.2019 › Schauspielhaus

Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann, isst die verordneten Erbsen, quält mit der Dumpfheit seiner Liebe seine Marie, staatgeworden seine Bevölkerung, umstellt von Gespenstern. (Heiner Müller)

Georg Büchners wenige Monate vor seinem plötzlichen Tod 1837 geschriebenes Fragment stellt erstmals in der dramatischen Literatur einen sozial Deklassierten ins Zentrum einer Tragödie – mit Woyzeck beginnt das moderne Drama. Büchners Woyzeck ist kasernierter Soldat, der sich durch Dienstleistungen etwas Geld verdient, um seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames uneheliches Kind durchzubringen. Er ist ein Getriebener und Geschundener: vom Doktor zu medizinischen Experimenten missbraucht, vom Hauptmann verhöhnt, vom Tambourmajor verprügelt, hört er Stimmen, die ihn zum Mord antreiben, bis er schließlich Marie aus Eifersucht mit einem Messer tötet.
Grundlage der fiktionalen Handlung waren historische Gerichtsfälle, einer von ihnen ist der des Johann Christian Woyzeck, der 1821 seine Geliebte Johanna Christiane Woost mit einer abgebrochenen Degenklinge erstochen hatte. In diesem Mordprozess ging es vor allem um die Schuldfähigkeit des Angeklagten: Verfügte er über einen freien Willen und war damit schuldig? Büchner greift diese Frage auf und gibt ihr eine philosophische Dimension, indem er die Willensfreiheit des Einzelnen, die seit Immanuel Kant Grundlage unserer aufgeklärten Moral und Rechtsordnung ist, in Zweifel zieht. Ebenso kritisch verhält sich Büchner zu der alles klassifizierenden Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts: mit Schädelmessungen und Typendefinitionen wurden Menschen nach ihrem Äußeren in Kategorien eingeteilt. Dies war die Geburtsstunde der sogenannten „Rassenlehre“, und die Methoden der „Physiognomik“ erleben in aktuellen biometrischen Überwachungsverfahren ihre Wiederauferstehung.
Um diese Hintergründe auf der Bühne sinnlich erlebbar zu machen, arbeitet Regisseur Jan-Christoph Gockel erneut mit dem Puppenbauer und Puppenspieler Michael Pietsch zusammen. Zum Spielensemble gehört außerdem der in Dresden lebende Musiker und Songschreiber Ezé Wendtoin Music.

Der Dramendichter Georg Büchner, geboren am 17. Oktober 1813, kann wie Friedrich Schiller als ein Vorbote psychosomatischen Denkens in der Medizin angesehen werden. Er führte eine erbitterte Auseinandersetzung mit der restaurativen Biedermeier-Gesellschaft und wurde darüber zum Revolutionär. Der Vater, Doktor Ernst Büchner, Chirurg und Kreisarzt von Darmstadt, war ein Verehrer des siegreichen Napoleon und nach der Schlacht von Waterloo ein Anhänger der Restauration. Georg, sein ältester Sohn, hatte Medizin, Naturwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert, war aber in einen typischen Konflikt geraten, den er und sein Bruder Ludwig – wie einige andere Arztsöhne unter den Dichtern – austragen mussten: Ihre Väter waren meistens ablehnend oder abwesend. Georg Büchner probte den Aufstand. Die berühmte Losung der von ihm im Jahr 1834 verfassten Flugschrift Der Hessische Landbote lautete:
Friede den Hütten, Krieg den Palästen!2
Er wollte die überkommenen Auffassungen von staatlicher, wirtschaftlicher, militärischer Macht, das Zeitalter der Restauration und selbst die Revolution revolutionieren, lehnte aber Terror ab, wie es der Untertitel zu Dantons Tod (1835) verriet: Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft. Der Dichter wählte die Worte so unverhüllt – auch in der Sprache einfacher Menschen im hessischen Dialekt – wie kein anderer Autor seiner Zeit.

Es ist der Soldat Franz Woyzeck, ein einfacher, sensibler und psychisch kranker Mann, der immer wieder fremde Stimmen, die ihm Befehle erteilen, zu hören glaubt. Wenn sich die Bühne dreht, erfährt man, dass er auch von seinen realen Gegenspielern im Befehlston gedemütigt wird. In den folgenden Szenen muss er den Stiefelknecht eines Hauptmanns spielen und sich zugleich dessen Mahnung zur Sittlichkeit anhören: Woyzeck, Er hat keine Moral!
In der Dekoration – Beim Doktor – dient er der Wissenschaft als Versuchsobjekt:
Er ist ein interessanter Casus, Subjekt Woyzeck.
Kaum hat sich die Bühne wieder gedreht, wird der von akustischen Halluzinationen und sinnlosen Befehlen gequälte Mann in der entscheidenden Szene – Marie und Woyzeck – zum eifersüchtigen Täter: Einer fremden inneren Stimme folgend, ersticht er seine Geliebte. Sie hat ihn mit dem Tambourmajor betrogen, diesem starken Kerl mit weißen Handschuhen und großem Federbusch. Die Realitätsbezogenheit des Textes, der sich auf die Krankengeschichte des historischen Woyzeck aus Leipzig stützte, wirkte sich nachhaltig auf die Rezeption, aber nachteilig auf die Charakterisierung des Autors aus. Büchner hatte sich als Autor nicht nur mit Franz Woyzeck, sondern auch mit Reinhold Lenz beschäftigt und wurde nun fehlinterpretiert, so als habe er sich als Autor und Nervenspezialist im Umgang mit den psychisch kranken Protagonisten seiner Texte gleichsam bei ihnen angesteckt. Dass diese Assoziationen keine Seltenheit darstellten, wusste laut Büchner schon der Dichter Reinhold Lenz, der ausdrücklich gebeten hatte, ihn nicht nach seiner Dichtung zu beurteilen.14 Obwohl man bei Büchner keine Symptome einer Geisteskrankheit entdeckte, glaubte man doch, „ein großes Quantum Fatalismus“15 und eine „bionegative“ Konstitution16 feststellen zu müssen. Im Jahr 1854 meinte ein Publizist, dass er bei der Wahl seiner dichterischen Stoffe „das Kränkliche seines eigenen Wesens“ bekundet habe:

“ Man könnte ihn gewissermaßen einen pathologischen Dichter nennen. Schwächlich-überreizte, überspannte, geistig und sittlich angefressene Gestalten sind ihm für seine Darstellungen die liebsten.“ (Georg Fein: Tagebuchnotiz, 23.4.1854, zit. n. J.-C. Hauschild: Büchner. Reinbek b. Hamburg 1997, S. 144)

Erich Kästner II Gedichte

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Ein gutes Mädchen träumt

Erich Kästner

Ihr träumte, sie träfe ihn im Cafe.
Er läse. Und säße beim Essen.
Und sähe sie an. Und sagte zu ihr:
»Du hast das Buch vergessen!
Da nickte sie. Und drehte sich um.
Und lächelte verstohlen.
Und trat auf die späte Straße hinaus
und dachte: ich will es holen.
Der Weg war weit. Sie lief und lief.
Und summte ein paar Lieder.
Sie stieg in die Wohnung. Und blieb eine Zeit.
Und schließlich ging sie wieder.
Und als sie das Cafe betrat,
saß er noch immer beim Essen.
Er sah sie kommen. Und rief ihr zu:
»Du hast das Buch vergessen!«
Da stand sie still und erschrak vor sich.
Und konnte es nicht verstehen.
Dann nickte sie wieder. Und trat vor die Tür,
um den Weg noch einmal zu gehen.
Sie war so müde. Und ging. Und kam.
Und hätte so gerne gesessen.
Er sah kaum hoch. Und sagte bloß:
»Du hast das Buch vergessen!«
Sie kehrte um. Sie kam. Sie ging.
Schlich Treppen auf und nieder.
Und immer wieder fragte er.
Und immer ging sie wieder.
Sie lief wie durch die Ewigkeit!
Sie weinte. Und er lachte.
Ihr flossen Tränen in den Mund.
Auch noch, als sie erwachte.


(“Kästner für Erwachsene“ ©Atrium Verlag Zürich)

Ein alter Mann geht vorüber

Erich Kästner

Ach, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ich war einmal ein Kind, wie ihr es seid.
Ich war einmal ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…
Ich könnte euch verschiedenes erzählen,
Was nicht in euren Lesebüchern steht.
Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen,
Sind immer die, um die sich alles dreht.
Wir hatten Krieg. Wir sahen, wie er war.
Wir litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Ich hab‘ ein paar der Lügner gut gekannt.

Ja, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ums Eintrittsgeld tut’s mir noch heute leid.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Wir hofften. Doch die Hoffnung war vermessen.
Und die Vernunft blieb wie ein Stern entfernt.
Die nach uns kamen, hatten schnell vergessen.
Die nach uns kamen, hatten nichts gelernt.
Sie hatten Krieg. Sie sahen, wie er war.
Sie litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Die großen Lügen werden nie erkannt.

Und nun kommt ihr. Ich kann euch nichts vererben:
Macht, was ihr wollt. Doch merkt euch dieses Wort:
Vernunft muß sich ein jeder selbst erwerben,
Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.
Die Welt besteht aus Neid. Und Streit. Und Leid.
Und meistens ist es schade um die Zeit.

Erich Kästner: Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Kleines Solo

Erich Kästner

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben.Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Erich Kästner: November

Ich war einmal ein Kind. Genau wie ihr.
Ich war ein Mann. Und jetzt bin ich ein Greis.
Die Zeit verging. Ich bin noch immer hier
Und möchte gern vergessen, was ich weiß.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Nun bin ich mürbe.
Wer lange lebt, hat eines Tags genug.
Ich hätte nichts dagegen, wenn ich stürbe.
Ich bin so müde. Andre nennen’s klug.

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug
und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft; ein andrer klagt;
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus, wir packen ein
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

Erich Kästner: Der Oktober

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen.
Hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen,
und als hätt’st du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Laß den Herbst nicht dafür büßen,
daß es Winter werden wird.

An den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind’s Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter. Bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter.
Denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rauch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
„Stirb und werde!“ nannte er’s.

Erich Kästner: Der September

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

(Kästner Gesellschaft)

Erich Kästner: Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

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Erich Kästner: Der synthetische Mensch

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden,
die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld,
doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden,
und außerdem kommen sie fix und fertig zur Welt! .

Man darf dergleichen Vorteile nicht unterschätzen.
Professor Bumke hat mir das alles erklärt.
Und ich merkte schon nach den ersten Worten und Sätzen:
Die Bumkeschen Menschen sind das, was sie kosten, auch wert.

Sie werden mit Bärten oder mit Busen geboren,
mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht.
Durch Kindheit und Jugend würde nur Zeit verloren,
meinte Professor Bumke. Und da hat er ja Recht.

Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei,
etwa benötige, brauche ihn nur zu bestellen.
Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters Kanzlei,
promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fällen.

Man brauche nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten,
dass das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht
auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten
das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.

Es sei ja auch denkbar, das Kind werde dumm oder krank.
Und sei für die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden.
Oder es sei musikalisch! Das gäbe nur Zank,
falls seine Eltern nichts von Musik verständen.

Nicht wahr, wer könne denn wirklich wissen,
was späteraus einem anfangs ganz reizenden Kinde wird?
Bumke sagte, er liefre auch Töchter und Väter.
Und sein Verfahren habe sich selten geirrt.

Nächstens vergrößre er seine Menschenfabrik.
Schon heute liefre er zweihundertneunzehn Sorten.
Misslungene Aufträge nähm er natürlich zurück.
Die müssten dann nochmals durch die verschiedenen Retorten.

Ich sagte: Da sei noch ein Bruch in den Fertigartikeln,
in jenen Menschen aus Bumkes Geburtsinstitute.
Sie seien konstant und würden sich niemals entwickeln.
Da gab er zur Antwort: „Das ist ja grade das Gute!“

Ob ich tatsächlich vom Sichentwickeln was halte?
Professor Bumke sprach’s in gestrengem Ton.
Auf seiner Stirn entstand eine tiefe Falte.
Und dann bestellte ich mir einen vierzigjährigen Sohn.
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Erich Kästner: Hamlets Geist

Gustav Renner war bestimmt die beste
Kraft im Toggenburger Stadttheater.
Alle kannten seine weiße Weste.
Alle kannten ihn als Heldenvater.

Alle lobten ihn, sogar die Kenner.
Und die Damen fanden ihn sogar noch schlank.
Schade war nur, daß sich Gustav Renner,
wenn er Geld besaß, enorm betrank.

Eines Abends, als man „Hamlet“ gab,
spielte er den Geist von Hamlets Vater.
Ach, er kam betrunken aus dem Grab!
Und was man nur Dummes tun kann, tat er.

Hamlet war aufs äußerste bestürzt.
Denn der Geist fiel gänzlich aus der Rolle.
Und die Szene wurde abgekürzt.
Renner fragte, was man von ihm wolle.

Man versuchte hinter den Kulissen
ihn von seinem Rausche zu befrein,
legte ihn langhin und gab ihm Kissen.
Und dabei schlief Gustav Renner ein.

Die Kollegen spielten nun exakt,
weil er schlief und sie nicht länger störte.
Doch er kam! Und zwar im nächsten Akt,
wo er absolut nicht hingehörte!

Seiner Gattin trat er auf den Fuß.
Seinem Sohn zerbrach er das Florett.
Und er tanzte mit Ophelia Blues.
Und den König schmiß er ins Parkett.

Alle zitterten und rissen aus.
Doch dem Publikum war das egal.
So etwas von donnerndem Applaus
gab’s in Toggenburg zum ersten Mal.

Und die meisten Toggenburger fanden:
Endlich hätten sie das Stück verstanden.

JAHRGANG 1899

Wir haben die Frauen zu Bett gebracht,
als die Männer in Frankreich standen.
Wir hatten uns das viel schöner gedacht.
Wir waren nur Konfirmanden.

Dann holte man uns zum Militär,
bloß so als Kanonenfutter.
In der Schule wurden die Bänke leer,
zu Hause weinte die Mutter.

Dann gab es ein bisschen Revolution
und schneite Kartoffelflocken;
dann kamen die Frauen, wie früher schon,
und dann kamen die Gonokokken.

Inzwischen verlor der Alte sein Geld,
da wurden wir Nachtstudenten.
Bei Tag waren wir bureau-angestellt
und rechneten mit Prozenten.

Dann hätte sie fast ein Kind gehabt,
Ob von dir, ob von mir–was weiß ich!
Das hat ihr ein Freund von uns ausgeschabt.
Und nächstens werden wir dreißig.

Wir haben sogar ein Examen gemacht
und das Meiste schon wieder vergessen.
Jetzt sind wir allein bei Tag und bei Nacht
und haben nichts Rechtes zu fressen!

Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt, ‚
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen.

Man hat unsern Körper und hat unsern Geist
ein wenig zu wenig gekräftigt.
Man hat uns zu lange, zu früh und zumeist u
in der Weltgeschichte beschäftigt!

Die Alten behaupten, es würde nun Zeit
für uns zum Säen und Ernten.
Noch einen Moment. Bald sind wir bereit.
Noch einen Moment. Bald ist es so weit!
Dann zeigen wir euch, was wir lernten! ( Erich Kästner, *1899))

Erich Kästner: Kennst Du das Land

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
– und es ist sein Beruf etwas zu wollen –
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt´s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut – es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Erich Kästner

Hymnus auf die Bankiers

Der kann sich freuen, der die nicht kennt!
Ihr fragt noch immer: Wen?
Sie borgen sich Geld für fünf Prozent
und leihen es weiter zu zehn.

Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt,
Ihr Herz stand noch niemals still.
Die Differenzen sind ihr Produkt.
(Das kann man verstehn, wie man will.)

Ihr Appetit ist bodenlos.
Sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Und schwängern ihr eignes Geld.

Sie sind die Hexer in Person
und zaubern aus hohler Hand.
Sie machen Gold am Telefon
und Petroleum aus Sand.

Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
Papier ist manchmal scharf.

Sie glauben den Regeln der Regeldetrie
und glauben nicht recht an Gott.
Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

Ein alter Mann geht vorüber

Erich Kästner

Ach, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ich war einmal ein Kind, wie ihr es seid.
Ich war einmal ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…
Ich könnte euch verschiedenes erzählen,
Was nicht in euren Lesebüchern steht.
Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen,
Sind immer die, um die sich alles dreht.
Wir hatten Krieg. Wir sahen, wie er war.
Wir litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Ich hab‘ ein paar der Lügner gut gekannt.

Ja, ich sah manches Stück im Welttheater.
Ums Eintrittsgeld tut’s mir noch heute leid.
Ich war ein Kind. Ein Mann. Ein Freund. Ein Vater.
Und meistens war es schade um die Zeit…

Wir hofften. Doch die Hoffnung war vermessen.
Und die Vernunft blieb wie ein Stern entfernt.
Die nach uns kamen, hatten schnell vergessen.
Die nach uns kamen, hatten nichts gelernt.
Sie hatten Krieg. Sie sahen, wie er war.
Sie litten Not und sah’n, wie sie entstand.
Die großen Lügen wurden offenbar.
Die großen Lügen werden nie erkannt.

Und nun kommt ihr. Ich kann euch nichts vererben:
Macht, was ihr wollt. Doch merkt euch dieses Wort:
Vernunft muß sich ein jeder selbst erwerben,
Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.
Die Welt besteht aus Neid. Und Streit. Und Leid.
Und meistens ist es schade um die Zeit.

Erich Kästner

Offener Brief an Angestellte

Vorgesetzte muss es geben.
Angestellte müssen sein.
Ordnung ist das halbe Leben.
Brust heraus und Bauch hinein!
Vorgesetzte tragen feiste Bäuche
unter dem Jackett.
Feist ist an dem Pack das meiste,
und sie gehn nur quer ins Bett.
Sie sind fett aus Überzeugung.
Und der bloße Anblick schon zwingt
uns andre zur Verbeugung.
Korpulenz wird Religion!
In den runden Händen halten
sie Zigarren schussbereit.
Jede ihrer Prachtgestalten
wirkt, als wären sie zu zweit.
Manche sagen (wenn auch selten),
sie verstünden unsre Not.
Und wir kleine Angestellten
schmieren uns den Quatsch aufs Brot.
Atemholen sei nicht teuer,
sagen sie, und nahrhaft auch!
Und dann hinterziehn sie Steuer
und beklopfen sich den Bauch.
Nagelt ihnen auf die Glatzen
kalten Braten und Coupons!
Blast sie auf, und wenn sie platzen!
Gibt es schönre Luftballons?
Lasst sie steigen und sich blähen,
über Deutschland, hoch im Wind!
Bis sie alles übersehen,
weil sie Aufsichtsräte sind.
Wenn sie eines Tags verrecken,
stopft sie aus und weckt sie ein!
Tiere kann man damit necken,
Kinder kann man damit schrecken, aber euch?
Ich hoffe: Nein!
(Gesammelte Schriften, Band I Gedichte, Seite 117, Atrium Verlag 1958)