Schöne Jugend – der Pathologe Gottfried Benn

Mit dem Gedicht Schöne Jugend spielte Benn auf die Figur der Ophelia an, die gemeinhin als ein zerbrechliches feminines Wesen beschrieben wird und mehr am Jenseits als am Diesseits interessiert zu sein scheint: Sterben, Tod und Leichnam sollten in der Kunst stets ästhetisch ansprechend abgebildet sein. Doch Benn zerstörte das romantische Stereotyp der femme fragile. In neuer, expressionistischer Darstellung bildeten jetzt ekelerregende Autopsie-Befunde einen Kontrast zu den Bildern „schöner“ Wasserleichen:

SCHÖNE JUGEND

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

Er hatte begonnen, seine Erfahrungen aus dem Seziersaal zu verarbeiten, aber sich noch nicht für eine bestimmte medizinische Fachrichtung entschieden, und dann war plötzlich die ruhige Sprechzimmersituation, das Gespräch mit den einfachen Fragen zur Lebensgeschichte der Kranken, für ihn unerträglich geworden. Deshalb scheiterte er schon zu Beginn seiner Tätigkeit an der Psychiatrischen Klinik der Charité. Nach eigenem Bekenntnis versagte er, als er am Krankenbett eine biographische Anamnese erheben wollte:
Mein Mund trocknete aus, meine Lider entzündeten sich, ich wäre zu Gewaltakten geschritten, wenn mich nicht vorher schon mein Chef zu sich gerufen, über vollkommen unzureichende Führung der Krankengeschichten zur Rede gestellt und entlassen hätte.“ ( Ärzte, Dichter und Rebellen S. 152f.)

Lesung

Gottfried Benn – Arzt und Dichter

Gottfried Benn hat sein Doppelleben selbstkritisch betrachtet und festgestellt, die ärztliche Tätigkeit habe ihn „nicht innerlich beschäftigt“. Ganz anders bewertete er sein Dasein für die Kunst, die Poesie, das lyrische Ich. In seiner Rede über Probleme der Lyrik betont er, dass er „nicht nur die Herstellung des Gedichts, sondern auch sich selber“ beobachte. Der Arztschriftsteller ist somit als Mediziner zu verstehen, der poetische Texte herstellt, so wie der Medikus als ein (Wieder-)hersteller von Gesundheit aufgefasst werden kann. Es liegt nahe, einen Autor, zumal den Poeta doctus, der ein Gedicht verfertigt, im ursprünglichen Wortsinn der Poesie nicht als Darsteller, sondern eben als Schriftsteller zu bezeichnen, immer in der Annahme, dass er sich von einer poetischen Vorstellung bis zur Herstellung, d.h. Fertigung von Poesie bewegt.

Gottfried Benn

Benn betont, dass ihm ein Vers nur gelinge, wenn er „den Worten in die Seele“ schaue. Er ersinnt kostbare, nicht nach Weihrauch duftende, sondern in Formalin konservierte und in flüssigen Stickstoff eingelagerte, kalt dampfende Chiffren für die Ewigkeit. Seine Gedichte künden von Vergeblichkeit und Weltekel, aber auch von Rausch und Glück:

Die trunkenen Fluten enden,
als Fremdes, nicht dein, nicht mein.
Sie lassen dir nichts in Händen
als der Bilder schweigendes Sein.

Die Fluten, die Flammen, die Fragen –
und dann auf die Asche sehn:
„Leben ist Brückenschlagen
über Ströme, die vergehn.“

Und:

Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.


Benn hatte ein Aufsehen erregendes lyrisches Flugblatt verfasst, das von seiner Arbeit als Pathologe zeugte. Die in geringer Stückzahl verbreiteten Morgue-Gedichte machten ihn in der literarischen Welt bekannt. Der Arzt war zum Dichter geworden. Die ersten Zeilen des Gedichts Requiem hatte er im Telegrammstil niedergeschrieben:

Auf jedem Tisch zwei. Männer und Weiber
kreuzweis. Nah, nackt und dennoch ohne Qual.
Den Schädel auf. Die Brust entzwei. Die Leiber
gebären nun ihr allerletztes Mal.


Neuerdings wird betont, dass Benns „medizinische Lyrik“ nicht nur seine Kritik am Gesundheitswesen und dessen unerfüllbaren Heilversprechen ausdrückte, sondern in diesem Kontext auch die menschliche Hinfälligkeit und Vergänglichkeit beklagte, zumal er festgestellt habe, dass „Sanitas“ sich auf „Vanitas“ reime. (Monika Fick: Medizinische Lyrik. Benn-Handbuch.Hanna, Christian M., Reents Friedericke (Hg.). Stuttgart 2016, S. 296). Nach seinen Pathologiestudien gelang es ihm dennoch, „Phänomene des Unvorhersagbaren, Schöpferischen, Entgegensetzlichen“ als spezifisch menschlich (,anthropologisch‘) zu beschreiben. (Ebd., S. 314: Antje Büssgen: Anthropologie). Dieses anthropologische Prinzip ist auch schon für den Arzt Friedrich Schiller der wissenschaftliche Bezug zum „Ästhetischen“ gewesen.

Er wagte es, einen lyrisch strukturierten Bericht über seine Erfahrungen als klinischer Pathologe zu veröffentlichen, obwohl er damit Gefahr lief, das Klischee vom zynischen Mediziner und der Ästhetisierung des Ekels zu erfüllen.

Offenbar verfügen Arztdichter über ein besonderes Sensorium, um das wahrzunehmen, worum es in der Kunst und Medizin geht – und was sie selbst angeht, weil es ihnen nahegeht.