Ein Wunder der Literatur

Was hier enthüllt wird, ist ein wahres Wunder der Literatur

„Schreiben ist hoffen, trotzdem: Was für ein Wagnis…“ Das sagte Valeria Gordeev, als ihr Debütromans erschien.

Das Erscheinen der fast 40-Jährigen in der Öffentlichkeit weckt Erinnerungen an den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2023. Wer könnte die performative halbe Stunde vergessen, als Valeria Gordeev in Klagenfurt ein Kapitel des neuen Romans „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ vortrug, um zur größten eigenen Überraschung den Hauptpreis zu gewinnen. Bei dieser Gelegenheit trug sie auch zur neuen Vorliebe für die Schilderung von Flecken bei, Flecken, die jetzt allenthalben in der deutschsprachigen Prosa auffallen.

Valeria Gordeev schreibt auf Seite 184: „Sie sah einen Lichtfleck auf dem Boden, ein uneindeutiges Licht. Der Netzvorhang, der es durchsiebte, zwei überlappende Bahnen, erzeugte ein Moiré, das in seiner wabernden Bewegung für einen kurzen Moment an Fischschuppen erinnerte, während es der Sonne bei ihrem gegenwärtigen Stand sogar gelang, durch die Planen hindurch sichtbar zu sein, zumindest an den Rändern.“

Wer würde in diesem Moment das Buch aus der Hand legen?

Protagonisten sind die Geschwister Lada und Konstantin Die Figuren bewegen sich durch die Ost-West-Geschichte der Kriege und Krisen mit wechselnder Geschwindigkeit in manchmal verschlissenen Kulissen mit Texten, die teils als Verkündigung, teils als Dialog und immer als Erlebnis stattfinden, oft wie auf einer Drehbühne erscheinen, dann und wann auch „ marching in place“.

Valeria Gordeev scheint das zu sein, was sie selbst in ihren poetischen Text fasst, die wahrnehmbare Erscheinung ihrer Poesie. Auf diese Weise bleibt die Erzählerin auch im Hintergrund immer präsent.

Kurz vor der Jahrtausendwende sei sie beauftragt worden, berichtet sie, ein „Blutwunder“ wissenschaftlich zu untersuchen. Das ist nur ein Teil der Enthüllung einer lange für wahr gehaltenen Mythomanie. Es fallen einige Namen von russischen Heiligen und Herrschern, auch der des Ras-putin.

Die Metamorphose der Zikade – die Metapher des Titels – verweist auf ein wahr4es Wunder der neuen Literatur. Auf mehr als 600 Seiten, untermalt mit Grafiken, entwickelt sich der Text, goldglänzend und unbeirrt vom alltäglichen Wahnsinn, um nichts als die Wirklichkeit der erlebten Geschichte zu zeigen. Das gelingt Valeria Gordeev mit Humor und Leichtigkeit.

In dem vor 100 Jahren posthum publizierten Band des Romans Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit meinte Marcel Proust: “Jede Tätigkeit des Geistes ist leicht, wenn sie nicht der Wirklichkeit untergeordnet werden muss.“

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