Über das Erscheinen. Ein Versuch. Der Prolog A meines Textes, es ist ein Essay über Mythomanie, beginnt mit denSätzen:
Platon berichtetvon der unsichtbaren Siedlung „Atlantis“: Vor fast zwölftausend Jahren soll eine goldglänzende Insel dieses Namens im Meer versunken sein. Dieser Mythos bewegt sich zwischen überlieferten Texten aus der antiken Geschichte und später erzählten Geschichten, zudem nicht selten zwischen Ahnung und Imagination, schließlich aber auch „im Spiegel völkisch-nordischer Deutungsmuster“ zwischen Wissenschaft und Wahn“. K.F.M.
„Goldglänzend“ ist das Stichwort und Bingeglied zwischen dem Essay und dem Titel der Neuerscheinung, der von Valeria Gordeev vorgelegt und für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist.
DIE ZIKADE ENTSCHLÜPFT IHRER GOLDGLÄNZENDENEN HÜLLE
DIE ZIKADE ENTSCHLÜPFT IHRER GOLDGLÄNZENDENEN HÜLLE


Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Roman
Der Debütroman der Bachmann-Preisträgerin Valeria Gordeev
Eine Familie zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin und eine Welt, die aus den Fugen geraten ist
Konstantin und Lada haben den Kontakt verloren. Während Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert, kämpft seine Schwester Lada in Berlin mit einer Sanierung, die ihr Wohnhaus unbewohnbar macht. Auch versteht sie nicht, warum ihr Bruder nach Kriegsbeginn in Moskau geblieben ist, doch steckt Konstantin bis zum Hals in Schwierigkeiten, an denen sein Patenonkel nicht unschuldig ist, ein Oligarch mit transhumanistischen Ambitionen, der auch Lada in Bedrängnis bringt. Sprachgewaltig, lustvoll und berauschend. Eine Wunderkammer und ein Höllenritt.
Mit Zeichnungen der Autorin


B Mythen von Gold, Liebe und Tod (KFM)
B1 Midas-Komplex und Tantalusqualen
Zu den häufigen Spielarten der Mythomanie zählt der Goldrausch der Schatzsucher,
die Kunstfertigkrit der Alchemisten und die Habsucht ihrer mächtigen Auftraggeber.
Ein Beleg dafür ist der Mythos von Midas, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte.
Er beherrschte vorbildlich die Kunst der Alchemie, litt aber auch an manischem Besitzstreben, jener nach Plutos, dem Gott des Reichtums und der Bodenschätze benannten Plutomanie, glaubte er doch alles, was er sah, an sich reißen zu müssen. Eines Tages erschrak Midas, als er seine Tochter umarmte und sie zu einer goldenen Statue erstarrte. Schließlich wurden alle Lebensmittel, Früchte, Brot, Wasser und Wein, unter seinen Händen zu Gold.
Nun litt er unter „Tantalusqualen“, wie jener ewig hungrige Mensch, dem ständig köstliche Speisen und Getränke angeboten, aber sogleich wieder entzogen wurden. So darbte Tatalus in der Unterwelt und musste ohne Aussicht auf Erlösung den täglich wiederkehrenden Akt der ertragen. Die Götter hatten ihn dafür bestraft, dass er ihnen anlässlich eines Gastmahls ein ekelerregendes Fleischgericht serviert hatte − seinen Sohn.
Beide, Midas und Tantalus, waren sich sicher gewesen, ihren Selbstwert unendlich steigern zu können, wenn sie nur einmal den Göttern auffallen, gefallen – und gefällig sein – würden. Infolge dieser auf Selbstsucht beruhenden, grandiosen Eitelkeit wuchs ihre Egomanie ungehemmt bis zur Megalomanie an. So entwickelte sich, angetrieben von Gefallsucht und Habgier − im Sinne der Oniomanie, eines unbezwingbaren Kaufzwangs− der später weltweit grassierende Goldrausch, der alle Königreiche befiel und über Jahrtausende hinweg anhielt. VomTrojanischen Krieg über die mörderische Vorgeschichte einer nordischen Spielart der Mythomanie, der Nibelungensage, lässt sich die mythische Goldspur bis in die Gegenwart verfolgen.