Monat: August 2022
Wie gefährlich ist Poesie?
Wie oft auch vor Risiken gewarnt wird, die von einer Entgrenzung der Medizin ausgehen, so selten stellt sich die Frage nach einer vergleichba- ren Gefährdung des Menschen durch Literatur. Welche Sprengkraft hat Poesie? Eine Karikatur kann tödliche Folgen haben – aber ein lyrischer Vers? Seit Urzeiten ermuntern Gedichte und Lieder die Menschen zum Feiern und Trinken, besonders, wenn Musikanten zum Tanz aufspielen. Das vor-herrschende Lebensgefühl kann von der Einsicht in die Vergänglichkeit des Schönen oder von Freiheitssinn und Aufbegehren gegen die Obrigkeit bestimmt sein, aber auch von revolutionärem Elan zu resignativer und fatalistischer Lethargie wechseln.Doch die nüchternen Erwartungen der Ärzte und Ärztinnen an ein Dichterleben, ihre kreativen Phasen und Krisen (5. Kapitel), schlagen gelegent- lich in pure Lebenslust um, vor allem wenn das Dasein erotisch aufgeladen ist. Die im letzten Jahrhundert gegen den Wind gesungenen Protestlieder, wie zum Beispiel The Times They are A-Changin, wurden durch den Literaturnobelpreis 2016 veredelt. Es sind aber nicht nur Lied- texte, sondern auch Sprechgesänge, Poetry Slam-Vorträge und ganz text- freie Techno-Rhythmen, die derzeit Menschenmengen in Rauschzustände versetzen. Abertausende Jugendliche harren dicht beieinander aus, halten sich aufrecht – in endloser Standing Ovation – und recken die Arme bis hinauf zu den Pop- und Punk-Rockern oder Hip-Hop-Rappern: I stand here, a manifestation of love and pain, With veins pumping revolution. Ganz anders verhält sich das in großen Konzerthallen sitzende ältere Pub- likum. Es klatscht und nickt im Viervierteltakt volkstümlicher Musik, ein wirklich harmloses Vergnügen. Doch die Dichter pflegten gewiss nicht nur den Gesang von Nachti- gallen und Schwänen einzufangen oder Rosenduft, Sternenglanz und Rauscherlebnisse in ästhetische Formen zu gießen, sondern schreckten auch nicht davor zurück, Zorn, Wut und Empörung mit viel Ironie und Sarkasmus, wenn auch metaphorisch verhüllt und kunstvoll verziert, in Worte zu fassen. Umso mehr  mag  die  fatale  Wirkung  eines  Verses  aus  der  Zeit  der  deutschen Romantik überraschen:           Justinus  Kerner,  der  schwäbische Arztdichter,  der  ebenso  unerschro- cken wie erfolgreich mit dem stärksten aller natürlichen Gifte (Botulinum-Toxin) experimentiert hatte, geriet eines Tages in panische Angst und wollte sogar das Land verlassen, als er erfuhr, welche Gefahr von einer einzigen seiner  klingenden  Metaphern  ausgegangen  war  (8.  Kapitel).  Er  hatte  mit einem  trefflichen  Vers,  wenn  auch  „etwas  kühn“,  wie  er  bekannte,  seine  Zeitgenossen  bei  Hofe  als  „goldbordierte  Knechte“  karikiert.    Fortan musste  er  wie  viele  Dichter  befürchten  –  und  das  war  wohl  noch  nie  ein  reiner  Wahn,  –  von  staatlichen  Stellen  überwacht  zu  werden.  Besonders bemerkenswert ist, dass seine rege Forschungsarbeit auch zur Ablenkung der  Geheimpolizei  diente,  weil  medizinische  Schriften  den  Argwohn  der Zensoren weniger erregten als die „gefährliche Poesie“.    Â
Drei Mediziner, die als Dramatiker hervortraten
Drei Mediziner, die als Dramatiker hervortraten, Friedrich Schiller (1759– 1805),  Georg  Büchner  (1813–1837)  und  Arthur  Schnitzler  (1862-1931) können die Richtung des Diskurses anzeigen: Auf der Suche nach Spuren der Psychosomatik in der Literatur finden sich wegweisende Texte dieser Dichter.  Sie  hatten  im  Umgang  mit  kranken  Menschen  psychologische Einblicke  in  das  dynamische  Dreiecksverhältnis  von  Körper,  Geist  und  Umwelt  gewonnen.  Schiller  und  Büchner  verfassten  ihre  ersten  Dramen jeweils in der letzten Dekade vor den großen Revolutionen von 1789 bzw. 1848. Schnitzler debütierte etwa 100 Jahre nach Schiller und 50 Jahre nach Büchner  mit  Dramen-  und  Prosatexten,  als  er  –  synchron  mit  dem  Auf- takt  der  Psychoanalyse  –  traumartige  Gedankenflüge  in  die  Literatur  un-  ternahm und den inneren Monolog für die deutsche Sprache entwickelte. Â
Rezension Deutsches Ärzteblatt
Ärzte, Dichter und Rebellen
Brief an meinen Sohn – Erich Kästner
Ich möchte endlich einen Jungen haben,so klug und stark, wie Kinder heute sind.Nur etwas fehlt mir noch zu diesem Knaben.Mir fehlt nur noch die Mutter zu dem Kind. Nicht jedes Fräulein kommt dafür in Frage.Seit vielen langen Jahren such ich schon.Das Glück ist seltner als die Feiertage.Und deine Mutter weiß noch nichts von uns, mein … Weiterlesen Brief an meinen Sohn – Erich Kästner
