Nervenstärke verlangt: Medizin und Poesie

17. Juni 2020

Ein Buch, prall gefüllt mit Poesie und „richtigem Leben“, und zwar mit geballtem dramaturgischem Effekt. Empfehlenswert, wenn auch – das sei aus ärztlicher Fürsorge zugestanden – bisweilen für „starke Nerven“ (Prof. Dr. Volker Faust, Ulm).

Ärzte sind in der Medizin tätig und für Kranke zuständig. So die Alltags-Definition. Stimmt. Und dieser Alltag ist nicht leicht. Das kann jeder bestätigen, denn kaum ein Mensch in der westlichen Welt dürfte in seinem Leben ohne wenigstens gelegentliche ärztliche Hilfe durchgekommen sein. Dabei stellt sich sicher auch die Frage: Haben Ärzte auch ein Privatleben, vor allem Hobbys, die sie in ihrer kargen Freizeit wieder aufbauen?

Die Antwort fällt je nach Kontakt und Übersicht unterschiedlich aus. Eines vermutet man aber wohl seltener, nämlich künstlerische Ambitionen, Tätigkeiten oder gar Erfolge. Dabei müsste beispielsweise jedem Leser einer Tageszeitung auffallen, dass es erstaunliche viele Ärzte-Orchester gibt – noch immer. Und einige glauben sogar zu wissen, dass manche Schriftsteller, vor allem was Romane und Poesie anbelangt, Medizin studiert haben sollen. Kaum einer aber dürfte vermuten, dass es auch unter Politikern, ja Revolutionären Mediziner gab (am bekanntesten wohl Che Guevara, noch bedeutender, aber im Westen kaum bekannt der chinesische Staatsmann Sun Yat-sen). Kurz: Man sollte es nicht für möglich halten, aber hinter dem „weißen Kittel“ stehen ganz offenbar noch andere Potenzen. Wo aber kann man sich dabei komprimiert informieren, ohne mühsame Bibliotheks- und heute Internet-Recherchen?

Ein ergiebiges Angebot stellt der Neurologe Dr. Karl F. Masuhr vor, ehemals FU Berlin, später Leiter der Neurologischen Abteilung in Zell-Mosel. Interessant auch er: Zum einen Verfasser eines erfolgreichen Neurologie-Lehrbuchs (Duale Reihe, 2013) sowie weiterer Buch-Angebote, zum anderen auf der akribischen Literatur-Suche nach Exponenten seines Faches, die sich – meist in ihrer verbliebenen Freizeit, dafür dann aber mit ganzer Schaffenskraft – der Schriftstellerei und Dichtkunst verschrieben haben.

Einige besonders markante Beispiele sind den meisten aber dann doch bekannt. Dazu gehören Friedrich Schiller, Georg Büchner und Arthur Schnitzler. Interessant übrigens ihr Bemühen oder das sichere Gespür, wo am meisten Dramatik zu holen ist, nämlich in der Psychosomatik, d. h. wenn sich seelische Störungen oder psychosoziale Probleme körperlich äußern und damit einen Teufelskreis einleiten. Interessanterweise hatten aber viele literarisch engagierte Ärzte auch ein Gespür für epochale Krisen der Gesellschaft, was dann über Buch oder gar Theater sogar zu Unruhe führen konnte (Beispiel: Schillers Räuber). Oder – im scheinbar weniger dramatischen Rahmen, dann doch hochgradig gefährlich – Goethes Werther, was einen unseligen Suizid-Sog unter der damaligen Jugend auslöste. Auf jeden Fall war allen (Erfolgs-)Autoren die Erkenntnis gemeinsam: „Kein Effekt ohne Affekt“, was die früheren Behörden von einer „gefährlichen Poesie“ warnen ließ.

Das hat sich bis heute erhalten. Ärzte gehören – auch wenn weitgehend unbekannt – nach wie vor zur „Avantgarde der Literatur“. Denn es bahnt nicht zuletzt der Berufsalltag ihre Fähigkeiten, alles was sie selbst beobachteten, aber auch selber erlebten und verkörperten, schließlich in Lyrik oder Prosa zu verwandeln und damit sinnstiftend, anregend, manchmal sogar revolutionär nutzbar zu machen.

Darüber gibt es nebenbei kein geringes Schrifttum, über Jahrhunderte hinweg. Der moderne Mensch hätte es aber gerne vorbereitet, geordnet und erleichtert durch ein umfangreiches Sachwortverzeichnis, das den bekannten „schnellen Zugriff“ ermöglicht und ergänzt durch ein fundiertes Literatur-Verzeichnis bei gezielterem Interesse.

Dem kommt der Arzt und Autor K. F. Masuhr in seinem informationsdichten Angebot über mehr als 50 Arzt-Dichter (nebenbei nicht nur männlichen Geschlechts) entgegen. Dabei geht es ihm nicht zuletzt um das im Titel erwähnte Rebellentum der teils noch bekannten, meist wohl auch inzwischen vergessenen, teils beruflich trotzdem erfolgreichen oder schließlich gescheiterten Arzt-Dichtern. Dabei ist ihm etwas gelungen, was schon vor 150 Jahren ein Kollege in seinem vergleichbaren Werk Dichter und Ärzte wünschte, nämlich die sowohl medizinische Seite der poetischen Literatur als auch die poetische Seite der Mediziner einer vertiefenden Betrachtung zu unterziehen.
Und – abseits von diesen höheren Sphären – auch auf dramatische Aspekte ihrer Zeit und Gesellschaft aufmerksam zu machen, bis hin zu eigenen Schicksalsschlägen. Beispiele: Rebellentum mit dem Leben bezahlt (José Rizal oder Che Guevara), in den Tod getrieben (Bulgakow) oder zur Emigration gezwungen (Döblin). Oder Rebellion, aber im schmerzhaften Stillen (Benn oder Carossa) etc. Auf jeden Fall der Darstellung einer untergehenden Gesellschaft verpflichtet (Tschechow, Schnitzler, Tellkamp usw.).

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Kurz: Ein Buch, prall gefüllt mit Poesie und „richtigem Leben“, und zwar mit geballtem dramaturgischem Effekt. Empfehlenswert, wenn auch – das sei aus ärztlicher Fürsorge zugestanden – bisweilen für „starke Nerven“ (VF).

Link zu Psychosoziale Gesundheit http://www.psychosoziale-gesundheit.net/bb/index.html

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