Die Sprengkraft der Verbindung von Medizin und Literatur – Radovan Karadzic

In letzter Zeit belegen einige literarische Ereignisse – und ein Strafgerichtsprozess – die Sprengkraft der Verbindung von Medizin und Literatur: Während der Psychiater Antonio Lobo Antunes mit dem portugiesischen Literaturpreis (2007) und der Chirurg Uwe Tellkamp mit dem Deutschen Buchpreis (2008) ausgezeichnet wurden, ferner im Jahr 2009 der Neurologe Jens Petersen den Ingeborg-Bachmann-Preis, der Psychiater Ernst Augustin den Mörike-Preis, die Psychoanalytikerin Alice Jones den First Annual Poetry Prize der USA erhielten, und dem Psychiater Rainald Goetz der Georg-Büchner-Preis (2015) verliehen wurde, verurteilte das Haager UN-Tribunal im Jahr 2016 den Politiker, Psychiater und Schriftsteller Radovan Karadzic (alias Doktor David Dabic) zu 40 Jahren Gefängnis.

Der Schuldspruch erfolgte wegen seiner Verantwortung für Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im Balkankonflikt (1992–1995). Der ehemalige Serbenführer hatte sich früher auch als Schriftsteller betätigt und fünf Lyrikbände herausgegeben. Das Material seiner Metaphern ist explosiv, wie dies die folgenden Verse demonstrieren:

„Endlich werde ich die
Morgenbombe werfen und
man wird nur noch das
Lachen eines launischen
einsamen Menschen hören.“

Im Bosnienkrieg klang die Feldherrnstimme des Radovan Karadzic wie ein verzerrtes Echo aus der NS-Zeit. Der Strafgerichtsprozess rief die Erinnerung an den „Euthanasie“-Arzt und Lyriker Werner Catel (1894-1981) wach. Dieser hatte ebenfalls fünf Gedichtbände herausgegeben. Bezeichnend sind seine Verse über den „guten Retter“ aus dem Sonett Der Tod:

Der Tod kann nimmer Euch von außen nahn.
Er west in Euch und ist von Anfang an,
Und hat die Schranke eurem Sein verliehn.

Waren schon unter der Mitwirkung einflussreicher Mediziner, die wie der Kinderarzt Werner Catel angeblich aus humanistischen Motiven handelten, in der NS-Zeit massenhafte „Euthanasie“-Morde begangen worden, so wurden fünfzig Jahre später auf Weisung eines Arztes in Uniform – Radovan Karadzic – mehr als 200 000 Menschen getötet und im Genozid von Srebrenica zugleich das Leben Tausender Jugendlicher geopfert.

Die beiden dilettierenden Dichter, zudem erfahrene Mediziner, schienen sich ihrer definitorischen Macht, doch keiner eigenen Schuld bewusst zu sein, da in der Medizin und Gesellschaft nicht nur mangelndes Unrechtsbewusstsein, sondern auch ganz unbarmherzige Vorstellungen herrschten, die sie wahrscheinlich selbst gefördert hatten: die Entschlossenheit zum Töten aus wohl erwogenen Gründen, also skrupellose konformistische Einstellungen, die in Kriegszeiten als weniger bedenklich und daher nicht als unmenschlich empfunden, mit anderen Worten: gemeinhin nicht als kriminell oder auch nur potenziell lebensgefährlich für viele Menschen und besonders für Minderheiten durchschaut werden.

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siehe auch den Blog zum NS-Kontinum

karacic

https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/product_info.php/info/p8768_Aerzte–Dichter—Rebellen–Psychosomatische-Aspekte-ihres-Wirkens–ca–200-Seiten–ca—-19-80.html

 

 

 

 

zum Arzt Und Schriftsteller Uwe Tellkamp

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