„Gesunder Menschenverstand“

Hubert Aiwanger, der gerne den gesunden Menschenverstand beschwört, ebenso der Ex-Verkehrsminister Andreas Scheuer, haben sich, wie andere Politiker, auf den gesunden Menschenverstand berufen. Dabei handelt es sich um "das von wissenschaftlicher Erkenntnis unbeschwerte Denken"... (Johannes Hoffmeister 1955. S. 400): Bayerns WirtschaftsministerHubert Aiwanger Foto: dpa Andreas Scheuer, Ex-Bundesminister für Verkehr Andreas Scheuer, Ex-Bundesminister für Verkehr

Blickkontakte

https://youtu.be/RHhkd2B87Q8 Kann man sich in einen Menschen verlieben, nachdem man ihm die richtigen Fragen gestellt und danach vier Minuten lang in die Augen geschaut hat? Ja, das geht. Zumindest behauptet das der renommierte Psychologe Arthur Aron, New York. Sein Experiment haben Seafret, in ihrem Musikvideo nachgestellt.https://www.srf.ch/radio-srf-3/musik/de-song-vom-tag/de-song-vom-tag-seafret-wildfire Kommentar: Mit der Blickbegegnung wächst die Aufmerksamkeit. Schon das … Weiterlesen Blickkontakte

4 von 7 Jahrzehnten des Rainald Goetz

Ein Höhepunkt des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Literatur-Wettbewerbs von 1983 war der Beitrag des 31-jährigen Psychiaters Rainald Goetz. David Hugendick schrieb über Goetz im Blick auf dessen ersten  Roman  „Irre“ (1983) und die Novelle Georg Büchners:  Wenn Büchners Lenz im Gebirge verrückt wird, dann ist Rainald Goetz der Lenz in der Großstadt, der versucht, nicht irre zu werden. Wobei hier überhaupt die Frage ist, wer irre ist, wer ist drinnen und wer draußen, wer ist Insasse und wer nicht.    Rainald Goetz verkörperte bei dem Klagenfurter Wettbewerb mit einer rhythmisch und gestenreich vorgetragenen Rede die Rebellion gegen die mediale Kultur im Allgemeinen und den Literaturbetrieb im Besonderen. Dabei verausgabte er sich und verletzte sich sogar auf überraschende Weiseselbst.  Er fügte sich mit einer Rasierklinge einen oberflächlichen Schnitt an der Stirn zu. Blut tropfte auf sein Vortragsmanuskript Subito, während er gleichzeitig sagte:   Ich schneide mir ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch, mit meinem Blut soll mir das Hirn auslaufen.  Das Publikum applaudierte verhalten, die meisten Juroren verharrten in Indifferenz:  ein Spektakel, das anscheinend weder Lob noch Tadel und erst recht keinen Preis verdiente.  Einer der anwesenden Kritiker meinte, Goetz habe sich mit seinem lebhaften Angriff gegen die herrschendeLiteratur als typischer Literat entlarvt. Die demonstrative Selbstverletzung erregte in den Medien Aufsehen und Abscheu. Hatte der Autor nicht vom Sinn des Blutvergießens im Zusammenhang mit Terrorismus gesprochen? Goetz bekannte freimütig:  Und weil ich kein Terrorist geworden bin, deshalb kann ich bloß in  mein eigenes weißes Fleisch hineinschneiden. Angesichts der real blutenden Wunde schien die Einordnung des provo- kanten Textes in die Gegenwartsliteratur nicht möglich zu sein. Zweifellos war die frische Blessur an der Stirn als Folge der performativen Selbstverletzung etwas grundlegend anderes als die von Gottfried Benn beschriebene Wunde: Im Jahr 1912  hatte der ebenfalls noch unbekannte Arztdichter die Trauer nach dem Tod seiner Mutter in Verse gefasst:  Ich trage dich wie eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schließt.  Nach dem Erscheinen von zwei Bänden über Psychiatrie und Revolution: Hirn und Krieg  (1986)  und einem Buch über Sprache:  Festung (1993) wurde er weithin bekannt.  1998  verfasste er das Stück Jeff Koons und die Erzähltexte Rave, 1999 Celebration (90s  NachtPop) und den Roman Abfall für alle, 2000 die Erzählungen Dekonspiratione und Heute Morgen, fer- ner Jahrzehnt der schönen Frauen (2001), den Tagebuchessay und Weblog Klage und den Bericht  Loslabern (2008), auch im Audioformat und den Photoband Elfter September  (2010), ferner den Roman  Johann  Holtrop (2012).  Kaum  ein  zeitgenössischer  deutschsprachiger  Autor  hat  so  artis- tisch mit immer neuen Wörtern, Lauten und Tönen jongliert, während er kaum die eigene Balance auf dem Seil halten konnte, das er zwischen der psychologischen  Medizin  und  der  schönen  Literatur  ausgespannt  hatte.     Die Kultur sei für ihn  zwar,  wie  er  schrieb,  sein  Leben,  nicht jedoch  die Kultur im engeren Sinn, das „peinliche“ Theater und die „langweilige“ Literatur,  die  er  nur  noch  mit  seinen  „sehr  gespitzten,  genuß-verwöhnten,   handschuhweißeleganten Fingern“ anfasse.   Der  Arztdichter  mit  der  Punkfrisur  konnte  manchmal,  von  fern  be- trachtet,  an  den  Struwwelpeter  aus  der  Feder  seines  Kollegen Heinrich Hoffmann erinnern.  Während  der  Berliner  Poetikvorlesung  (2012)  und  anlässlich öffentlicher Ehrungen, vor allem bei den Verleihungen des Schiller- Gedächtnispreises  (2013)  und  des  Büchner-Preises  (2015),  gestikulierte  er so  lebhaft  wie  jeder  leicht  hyperaktive Angehörige  seiner  Altersgruppe und  verkörperte  damit  in  der  Rebellengeneration  den  erwachsenen  Puer robustus.  (aus: Ärzte, Dichter und Rebellen, Würzburg 2018, 241f.) 

Hauke Goos: Heinrich Mann über „Hass“

Wie man klar und deutlich über den Hass schreibt Wie man klar und deutlich über den Hass schreibt Wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann. Folge 103: Heinrich Mann seziert den Hass. Die Deutschkolumne von Hauke Goos Umschlag der deutschsprachigen Erstausgabe von »Der Hass«, 1933 Foto: S. Fischer Verlage Das Schöne am Schreiben über den … Weiterlesen Hauke Goos: Heinrich Mann über „Hass“

Erich Kästner: „Einsamkeit“. Sandra Siebenthals Laudatio

"Ein Auszug aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo», der mich immer wieder berührt. Das Bild ist fühlbar. Aus der Wanduhr tropft die Zeit. Die sich ziehende Einsamkeit, die sich über alles legt." „Einsam bist du sehr alleine. Aus der Wanduhr tropft die Zeit.Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das … Weiterlesen Erich Kästner: „Einsamkeit“. Sandra Siebenthals Laudatio

„Zitronen“, ein neuer Roman von Valerie Fritsch, umwerfend wie „Madame Bovary“

„Zitronen“, der neue Roman von Valerie Fritsch, wird im Untertitel als „ein sprachgewaltiges Buch über das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ angekündigt. Es geht um eine irreversibel gestörte, besser: zerstörte Familie, aber keineswegs um medizinische Fragen oder psychologische Antworten, wie man es erwarten könnte, wenn man vom „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ („by proxy“) hört: Man erfährt, dass Eltern, vorwiegend Mütter, bei ihren … Weiterlesen „Zitronen“, ein neuer Roman von Valerie Fritsch, umwerfend wie „Madame Bovary“