Querköpfe

EIN ROMANTISCHER QUERKOPF: Justinus Kerner, der Dichter und Oberamtsarzt von Weinsberg, nach dem eine süße Weintraube benannt worden ist, war ein ebenso beliebter wie beleibter Patriarch. In der Jugend soll er aber an Magersucht gelitten haben und zur Zeit der Revolution von 1848 ein Rebell gewesen sein. Sein Widerspruchsgeist wurde nur von der radikal-demokratischen Haltung seines Bruders Georg und seines Sohns Theobald übertroffen. Schließlich zog er sich aus dem politischen Streit zurück, schrieb aber umso mehr romantische Gedichte. Gelegentlich machte er seine Hausbesuche gemeinsam mit dem Totengräber, einem ebenfalls ziemlich begabten Poeten.

Ein QUERKOPF, wie zum Beispiel: Arthur Schnitzler, dessen Satiren die Doppelmoral der Donaumonarchie entlarvten, wurde – allen antisemitischen Äußerungen seiner Gegner zum Trotz – schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der meistgespielten Dramatiker.

QUERKÖPFE wie zum Beispiel: Friedrich Schiller und Georg Büchner hatten sich gegen die absolutistische Fürstenherrschaft aufgelehnt. Sie mussten ihre Familien verlassen und sich in einem fremden Land wieder Geltung verschaffen. Die beiden Querköpfe fanden jedoch sogleich Anerkennung als Universitätslehrer, Schiller in Jena, Büchner in Zürich. Der Dichterruhm war ihnen vorausgeeilt, während ihre Verfolger, der Herzog von Württemberg und der Großherzog von Hessen, innerhalb ihrer Grenzen zurückgeblieben und heute so gut wie vergessen sind.

QUERKÖPFE werden oft politisch verfolgt, inhaftiert, aus dem Land gejagt, in den Tod getrieben oder exekutiert. Doch der Widerspruchsgeist, den man den Dichtern, Rebellen und Revolutionären ganz und gar austreiben wollte, erscheint heute überall in der Welt auf Theaterbühnen, Filmfestspielen und Buchmessen. Was ihre Texte performativ vermitteln: Literatur und Widerstand, heißt „Widerstand schreiben“ oder „Literatur ist Widerstand“.

Dichter an der Charite´

Im letzten Jahrhundert der mehr als 300-jährigen Geschichte der Berliner Charité gab es unter den bekannten Ärzten und Forschern nicht nur Nobelpreisträger der Medizin, wie zum Beispiel Robert Koch (1843–1910), Paul Ehrlich (1854–1915) und Emil von Behring (1854–1917), sondern auch eine Reihe namhafter Schriftsteller, die mit Romanen, Gedichten oder Dramen hervortraten, unter anderen Alfred Döblin, Gottfried Benn, Peter Bamm und Heinar Kipphard. Die expressionistischen Dichter Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) und Gottfried Benn („Morgue-Zyklus“) gelten heute als bedeutende Vertreter der literarischen Moderne. Peter Bamm („Die unsichtbare Flagge“) vertrat als Sanitätsoffizier und einer der wenigen Medizinschriftteller im Zweiten Weltkrieg die vom NS-Regime verratenen humanistischen Ideale. Heinar Kipphardt („Bruder Eichmann“) wechselte von der Charité zum Deutschen Theater und dann vom Osten in den Westen.“ (K. M. Einhäupl)