Wie man den Horror der Gemütlichkeit beschreibt

Die Rogges sind ein mustergültiges Ehepaar. Er überläßt ihr das Reden, wobei er den Anschein erweckt, daß Schweigen Gold ist. Natürlich ist auch Müdigkeit dabei, das Unabänderliche immer wieder aufzurühren. Und so sitzt er, während sie erzählt, löwenschläfrig und hinnickend wie in einem Zugabteil, nur dabei. Und nach dem kalten Abendbrot, das sie mit gesundheitlichen Rücksichten sehr mäßig zu sich nehmen, geht er mit der Frau in die Küche, um ihr beim Abwaschen der beiden Resopalbrettchen zu helfen.
– Marie-Luise Scherer , Der unheimliche Ort Berlin
Wörter gibt es, bei denen man sofort eine Welt vor Augen hat und eine ganz bestimmte Zeit dazu: ihre Träume und Sehnsüchte; auch die Ängste. Das Wort Resopal zum Beispiel. Ein Werkstoff, robust und funktional, dessen Eigenschaften präzise die mittleren Jahre der deutschen Wohlstandsgesellschaft abbilden: das Bedürfnis nach Haltbarkeit, nach Stoßfestigkeit, nach Fleckenunempfindlichkeit. Nichts beschreibt dieses Bedürfnis anschaulicher als das schöne Wort Hochdruckschichtpressstoffplatte.
1985, in der Spätzeit des Resopals, las die Reporterin Marie-Luise Scherer in der Zeitung von einer jungen Frau aus dem Schwäbischen. Ihre Leiche war auf einem Kreuzberger Dachboden gefunden worden, bereits skelettiert. Scherer machte sich auf die Suche nach dieser Ingrid Rogge, an deren Ende stand dann die Reportage »Der unheimliche Ort Berlin«.
Wenn Berlin (und der Stadtteil Kreuzberg) für Ingrid Rogge ein Sehnsuchtsort war: Wie sahen dann die Verhältnisse aus, die sie glaubte, nicht mehr ertragen zu können? Denen sie entkommen wollte, um beinahe jeden Preis? Wie findet man diese Verhältnisse, wie beschreibt man sie, ohne sie zu denunzieren?
Rogge war in Saulgau aufgewachsen, ihre Eltern hatten sich dort in etwas eingerichtet, was Scherer »Wohnzimmertropen« nennt: Philodendron und kolossale Kleinmöbel, auf Anrichten und Regalen Deckelhumpen, Zinnbecher, Zinnteller, »auf dem Fernseher in galanter Zugewandtheit Pierrot und Columbine auf einem über Eck gelegten Deckchen, das in den Bildschirm überhängt«.

Saulgau in Baden-Württemberg Foto: Werner Thoma / imageBROKER / picture alliance
In Scherers Küche wiederum, heißt es, hänge ein Zettel, darauf zwei Wörter, eine Notiz an sich selbst: »kräftige Genauigkeit«. Nicht muskulös wollte Scherer schreiben, sondern vital. Nach ihrer Beschreibungsgenauigkeit befragt, bekannte sie ein Verlangen nach dem »unverzitterten Adjektiv«, dem »festen Satz«. Jedes Detail, jedes Wort so genau passend, dass einem Alternativen nicht in den Sinn kommen können.
Marie-Luise Scherer nimmt dafür die Verhältnisse in einen besonderen Blick. Wie ein Kameraauge schwenkt sie die Oberfläche ab und entziffert, was die Dinge über ein Leben mitteilen. Die Einrichtung eines Wohnzimmers ist dabei immer zugleich auch Mentalitätsgeschichte.
Präzision braucht es dafür, genaues Sehen. Einen Blick für sprechende Details, der immer mehr weiß als die Personen, auf die er scharfstellt. Natürlich kennt Scherer die Gründe, warum die Tochter wegging aus Saulgau, warum sie weggehen musste; der Leser kennt sie auch, spätestens dann, wenn der müde, löwenschläfrige Vater gemeinsam mit seiner Frau nach dem kalten Abendbrot den Abwasch macht.
Der Absatz oben ist ein anschauliches Beispiel für Scherers Gabe, Verhältnisse »unverzittert« zu beschreiben. Wie nur scheinbar mitleidlos sie das Wort »mustergültig« verwendet – und wie sehr gerade dieses Mustergültige die Flucht der Tochter begründet. Wie genau das Wort »mäßig« das Erloschene trifft, das allzu früh Aufgegebene.
Jetzt braucht es nur noch ein Detail, das diese Zustände festhält, einen Fund, der die Hoffnungen und die Beschränkungen abbildet, das Verlangen nach dekorativer Haltbarkeit; genau das, was man verlassen muss, wenn man sich in Sicherheit bringen will, wohin auch immer.
Der Mann, schreibt also Scherer, geht mit der Frau in die Küche, »um ihr beim Abwaschen der beiden Resopalbrettchen zu helfen«. Zwei Brettchen und eine sprachlose Arbeitsgemeinschaft, lauter gute Absichten im Kleinen und Ratlosigkeit im Großen, und all das in einem Wort: Resopal.

Zwei Kinder hatten die Rogges gehabt, beide machten ihnen Kummer. Den Sohn verloren sie an »die Drogen«, die Tochter an Berlin, beide Male waren sie, geborgen nur in eine »aufgesträubte, fusselfreie Reinlichkeit«, überfordert, von allem.
»Wenn in einem Haus das Unglück nicht verjähren kann, weil es in immer neuen Schüben wieder einkehrt, dann setzt zu seiner Bewältigung eine Trainiertheit seiner Bewohner ein«, schreibt Marie-Luise Scherer, die weiß, dass für die meisten Menschen Glück schon in der Abwesenheit von Unglück liegen kann (und natürlich ist das eine Art Glück, vielleicht sogar die einzige). »Für zwei Ängste in dem Ausmaß, wie es die Rogges überkam«, schreibt Scherer, »war kein Platz in ihnen.«
